Von Doris Cebulka

Johann Sebastian Paetsch schließt die Augen. Mit ausladenden Bewegungen streicht er den Bogen über sein Cello. Die Musik seines Vornamensvetters Bach erfüllt den barocken Saal der Hasselburg. Die Eichenbalken schwingen sanft im Takt der Cello-Suite Nr. 6.

Die an die Decke gemalten Figuren scheinen alle überflüssigen Geräusche zu schlucken. Sie erzählen von fremden Ländern: Ein Inkafürst läßt sich von seinen Sklaven Obst reichen, ein Kavalier mit weißer Perücke greift zur Tabaksdose, und zwei Astrologen nehmen den Globus unter die Lupe. Diese Deckenmalereien haben schon so manchen Besitzerwechsel erlebt. Deren Liste liest sich wie ein Reigen des schleswig-holsteinischen Adels: von Buchwaldt, von Ahlefeldt, von Ritzerau, von Rantzau, von Dernath, von Seydlitz-Kurzbach, von Plessen, zu Stolberg-Stolberg.

Das heutige Konzert ist ganz im Sinne des gegenwärtigen Eigentümers. Andreas Beurmann liegt vor allem die Musik am Herzen. Barocke Opern auf Original-Instrumenten in der Original-Atmosphäre des Barocksaals sind sein Traum, für den er sein Geld in das Herrenhaus Hasselburg steckt. Draußen vor der Tür erhebt sich die „Kathedrale aus Eichenholz“, eine Scheune mit einem Reetdach, so groß wie zwei Fußballfelder. Hier hat sich während des Sommers das Schleswig-Holstein Musik Festival als steter Gast eingenistet. Die Akustik sei noch etwas dumpf, meint der Hausherr. Mit großen weißen Laken habe man versucht, den Schall aufzufangen, aber das Dach schlucke immer noch zu viel.

Für viele schleswig-holsteinische Herrenhausbesitzer bedeutet die Teilnahme am Musikfestival ein erkleckliches Zubrot zur Erhaltung der historischen Bauten. Dazu ist harte Währung vonnöten, und die ist, wollen wir den vielen Klagen der Grafen, Fürsten und Barone Glauben schenken, hier im Norden der Republik rar. Rund 300 Anwesen gibt es in Schleswig-Holstein, die zum größten Teil noch in privater Hand sind.

Gisela und Wolf von Buchwaldt, die Eigentümer des Herrenhauses Neudorff im Kreis Plön, haben sich einen Bungalow neben ihren historischen Bau gesetzt. „Dort wohnen wir kostengünstiger und komfortabler“, erklären sie die Flucht aus dem pompösen Herrenhaus. Die Familie von Buchwaldt lebt von der Landwirtschaft, aber die werfe nicht genügend ab, um 10 000 Mark monatlich für die Betriebskosten des alten Gemäuers zu erübrigen. Deshalb soll das Herrenhaus vermietet werden. Doch die Buchwaldts mußten schon so manchen Interessenten wieder ziehen lassen. Sie denken mittlerweile international: „Wir warten auf einen Scheich.“

Während der Herbststurm wie schon im Mittelalter über die alten Gemäuer Schleswig-Holsteins tobt, werden deren Besitzer von anderen Sorgen als ihre Vorfahren geplagt. Ihnen helfen nicht mehr wie früher erhöhte Lehen über ein Loch im Geldbeutel hinweg. Und mit der Landwirtschaft allein lassen sich die Häuser nicht mehr finanzieren. Statt dessen vermieten die Adligen ihren immobilen Besitz als Ferienwohnung oder Festsaal. Oder sie strecken die Hand nach öffentlichen Mitteln aus. Mittels Subventionen ist so manche halbverfallene Scheune hier im Grafeneck zum Konzertsaal geworden.