Von Roland Kirbach

Die Arbeiter der Leipziger Industriemontagefirma IMO hatten sich schon auf einen unangenehmen Arbeitseinsatz eingestellt: Im maroden Kernkraftwerk Greifswald sollten sie Montagearbeiten verrichten. Doch statt in Greifswald fanden sich die dreißig Metallfacharbeiter nach neunzehnstündiger Busfahrt im saarländischen Homburg wieder, auf dem Werksgelände der Dillinger Stahlbau GmbH (DSD). Ihr Arbeitgeber hatte sie kurzerhand an den Westen ausgeliefert, zum Teil ohne die Betroffenen vorher zu informieren; sie konnten ihre Familien zu Hause erst vom Saarland aus verständigen.

Daß sie es in Homburg besser getroffen haben als in Greifswald, kann man nicht behaupten. Während der ersten Wochen wurden die Kollegen aus Ostdeutschland in einem leerstehenden Bürohaus und in einem Wohncontainer auf dem Firmengelände untergebracht; die Bettdecken waren nicht bezogen; und die Spinde stanken so sehr, daß die Arbeiter es vorzogen, aus dem Koffer zu leben. Das Schlimmste aber: Ihr Stundenlohn betrug 6,50 bis 8 Mark – wie einst zu Zeiten des SED-Regimes. Die saarländischen Kollegen kassieren für die gleiche Arbeit rund zwanzig Mark.

"Wie billige Arbeitssklaven" kämen sie sich vor, sagte ein Arbeiter aus der alten DDR der Frankfurter Gewerkschaftszeitung metall. Doch die Menschen haben keine Wahl: "Entweder du fährst dahin, wo ich dich hinschicke, oder du bleibst zu Hause und hast kein Geld", habe ein IMO-Arbeiter von seinem Abschnittsleiter zu hören bekommen.

Für die DSD war der Deal mit den Leiharbeitern so lukrativ, daß sie bereitwillig Zugriff, obwohl er illegal war. Denn das Verleihen von Beschäftigten ist nach dem Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz genehmigungspflichtig; und im Juli, als damals die Noch-DDR-Bürger im Saarland ankamen, besaß die Leipziger Firma eine solche Erlaubnis nicht. Die erhielt das Unternehmen erst Mitte September. Auch in Containern müssen die Arbeiter aus dem Osten inzwischen nicht mehr leben; die DSD hat nun ein ungenutztes Wohnhaus hergerichtet. Doch am gröbsten Mißstand, an den Billiglöhnen, hat sich bis heute nichts geändert.

Immer mehr Firmen, im Osten wie im Westen, schlagen aus dem gewaltigen Lohngefälle, das nun innerhalb Deutschlands besteht, Kapital. Angesichts massiver Auftragsrückgänge im Osten nutzen die Chefs ihre Beschäftigten zunehmend als Ware. Und bei den Westfirmen sind die Billigarbeiter höchst willkommen. "Dutzende von Fällen illegaler Leiharbeit" mit Beschäftigten aus der ehemaligen DDR hat die mobile Einsatzgruppe der Gewerbeaufsicht in Nordrhein-Westfalen im September aufgedeckt. Bei Stichproben auf Baustellen und bei Betrieben in den Kreisen Bonn, Siegen und Soest wurden die Beamten immer wieder fündig. Auch auf der Baustelle des Deutschen Bundestages werkelten ostdeutsche Bauarbeiter – Elektrotechniker von der Leipziger Firma Starkstrom-Anlagenbau GmbH (SALH).

"Höhere Stundenlöhne als 6 Mark sind die Ausnahme", schrieb die Gewerbeaufsicht in ihrem Bericht. Außerdem müssen die Ostarbeiter zumeist unter unzumutbaren, gesundheitsgefährdenden Bedingungen arbeiten. Persönliche Schutzausrüstungen wie Helme oder Arbeitsschuhe fehlen oftmals. Die hygienischen Einrichtungen für die Arbeiter, etwa Toiletten, sind häufig in einem miserablen Zustand. Und nicht selten müssen die Leiharbeiter unzulässige Überstunden leisten. Die Leipziger IMO-Arbeiter in Homburg zum Beispiel arbeiten täglich zehn Stunden und samstags noch einmal sechs Stunden.