Wenn der deutsche Regisseur Alexander Kluge seinen Enkeln etwas mitzuteilen hat, nennt er es "Vermischte Nachrichten" oder "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit". Er vermischt Bilder und Töne und spricht dazu einen Kommentar. So entstehen Kluges Essayfilme, die das genaue Gegenteil von Essaj-Verfilmungen sind. Um noch mehr Enkel zu erreichen, arbeitet Kluge seit ein paar Jahren fürs Fernsehen. Diesen Schritt muß man bewundern.

Manoel de Oliveira ist einer der wenigen portugiesischen Regisseure, die auch außerhalb Portugals bekannt sind. Seinen neuen Film "NON oder der vergängliche Ruhm der Herrschaft" hat der zveiundachtzigjährige Oliveira seinen Enkeln gewidmet. Manoel de Oliveira, stelle ich mir vor, wollte einen Essayfilm drehen über "das ewige Nein, das die Kunst dem Schlachten der Menschen entgegensetzt" (Peter Buchka in der SZ). Also schrieb er zuerst einen Essay und drehte danach den Film. Der Film ist danach. "NON" erzählt von einem Leutnant der portugiesischen Armee, der seinen Soldaten von der portugiesischen Geschichte erzählt. Der Leutnant und seine Männer sind auf Patrouille im afrikanischen Busch, also in höchster Gefahr, aber sie tun, was Schablonensoldaten tun, die ein gnadenloser Regisseur befehligt: Sie philosophieren. Dann wird der Leutnant verwundet. Er stirbt am 25. April 1974, dem Tag des Militärputsches gegen den portugiesischen Diktator Salazar. So endet die Lektion.

Oliveira zieht alle Register: Schlachtengemälde, Hochzeitsfeiern, Predigten, Dichterphantasien. Er führt uns in die Vorzeit und auf die Insel der Seligen. Aber seine Bilder bleiben Papier, seine Figuren Strichmännchen. "NON" ist das reine Gegen-Kino, das Kino im Stand der Ohnmacht. Trotzdem: sehenswert! Denn das muß man gesehen haben: den Angriff der Vergangenheit auf die übrige Zeit. Andreas Kilb