Jedes Stück Entwestlichung wäre als Preis für die deutsche Einheit zu hoch

Von Jürgen Kocka

Das neue Deutschland steht historisch in mehreren Kontinuitäten. Die Geschichte der DDR gehört ebenso zu seinem Erbe wie die Geschichte der Bundesrepublik, dazu zählt auch die Erinnerung an die Katastrophen der Nazi-Zeit wie überhaupt die lange deutsche Geschichte davor. Überdies ist unsere Geschichte Teil der europäischen und darüber hinaus der westlichen Zivilisationsgeschichte. Daß man in mehreren Kontinuitäten steht, ist normal und Bedingung von Freiheit. Wir können uns die Erbschaften auch keineswegs aussuchen. Aber man muß für die Zukunft sich entschieden in die eine oder andere Kontinuitätslinie stellen und gegenüber den übrigen auf Distanz gehen, ohne sie zu verleugnen oder zu vergessen. Ich plädiere dafür, das vereinigte Deutschland konsequent in der Kontinuität der Bundesrepublik zu verankern. Der tiefe Umbruch von 1989/90 darf die Zäsur der Jahre um 1945 nicht relativieren. Vielmehr sollte und kann er sie besiegeln.

Der Einschnitt vor und nach 1945 ging tiefer als die Einschnitte um 1933, 1918/19, 1870/71 oder 1848. Die nationalsozialistische Diktatur ging in den Schrecken des von ihr angezettelten Weltkriegs zugrunde. Ihre Verbrechen wurden offenbar, und die Erinnerung an sie gibt der deutschen Geschichte seitdem eine andere Qualität. Der 1870/71 gegründete Nationalstaat zerbrach. Preußen wurde aufgelöst. Der deutsch besiedelte Raum schrumpfte erheblich. Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen veränderten die Milieus, in die sie einströmten.

Vor allem aber endete – für das westliche Deutschland –, was Historiker seit den dreißiger Jahren als den „deutschen Sonderweg“ bezeichnet und kritisiert haben. Die sozialen Strukturen und Mentalitäten, durch die sich die Deutschen von den Westeuropäern unterschieden und die zum Sieg des Nationalsozialismus beigetragen hatten, überlebten die Zäsur um 1945 nicht oder nur stark geschwächt: Mit dem Verlust der Ostgebiete und der Enteignung östlich der Elbe hörten die Großgrundbesitzer – die Junker – als Klasse auf zu bestehen. Nationalismus und Militarismus verloren ihre Kraft. Erstmals entstand in Deutschland ein wirklich funktionierender parlamentarisch-demokratischer Verfassungsstaat. Erstmals wurde er von weiten Bevölkerungskreisen akzeptiert, auch von den Führungsschichten. Ein neues Parteiensystem entstand, das nicht mehr durch die konfessionelle Spannung geprägt war. Auch die Gewerkschaften wurden nach 1945 anders aufgebaut, als sie vor der Zerschlagung durch die NS-Diktatur existiert hatten. Allmählich entstand im westlichen Deutschland eine demokratische politische Kultur, die ehemals starken Traditionen der Illiberalität schwächten sich ab. Der Einfluß der Besatzungsmächte half, das Wachstum der folgenden Jahre erst recht.

Ein relativ normales Land

Es gab zwar auch viele Kontinuitäten und weiterhin deutsche Besonderheiten. So überlebte – zum Glück – der Föderalismus. Der Beamtenstaat widerstand einer Reform, wie sie vor allem die Anglo-Amerikaner gefordert hatten. Obwohl sich die Deutschen von der nationalsozialistischen Zeit viel weniger radikal absetzten, als man es sich gewünscht hätte, wurde aus der Bundesrepublik Deutschland nach Verfassung, Gesellschaftsstruktur, Wirtschaftsform und Kultur ein relativ normales Land westlichen Musters, mit dessen typischen Vorzügen und Problemen. Auch aufgrund seiner politischen, ökonomischen, militärischen und kulturellen Verflechtungen gehörte der größte Teil Deutschlands nunmehr eindeutig zum Westen. Der „Sonderweg“, der die deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert vom Entwicklungspfad der westlichen Demokratien weggeführt hatte und in die Katastrophe des Nationalsozialismus gemündet war, war – so schien es – glücklicherweise am Ende.