Von Şefik A. Bahadir

Der Reichtum Arabiens liegt unter einer Erde, deren Oberfläche größtenteils von Armut bedeckt ist. Der kurze Sandsturm des Ölpreisverfalls um die Mitte der achtziger Jahre reichte bereits aus, um den in den siebziger Jahren so hoffnungsvoll prosperierenden Öl-Oasen jeden Glanz zu nehmen. Wie rasch sich diese Oasen als Fata Morgana erweisen können, zeigen die Demontagen in Kuwait-City seit dem 2. August überdeutlich.

Das wahre Elend Arabiens liegt im Unvermögen der Region, ihr Erdölvermögen sinnvoll zu verwerten. Das gilt sowohl für die Förderung und den Verkauf des Erdöls als auch für die Verwendung der erzielten Erlöse. Dieses Unvermögen ist allerdings nur zum Teil selbstverschuldet. Zum größeren Teil resultiert es aus dem Schicksal eines Eigentümers, dessen Eigentum von anderen als ein öffentliches Gut angesehen wird. Denn das Erdöl ist noch immer die wichtigste Energiequelle, von dessen Angebotsmenge und Preis der Weltwohlstand abhängt. Mehr als die Hälfte der heute bekannten Welterdölreserven befindet sich im Besitz arabischer Staaten; und es ist gerade diese schiere Größe, weswegen diese Staaten bei der Verwendung ihres Reichtums nie gänzlich frei von der Einmischung Fremder und ihrer eigenen „Bruderstaaten“ gewesen sind.

Die erdölexportierenden arabischen Staaten liegen in einem immerwährenden tiefen Konflikt über Fördermengen und Verkaufspreise ihres Erdöls. Den einen ist die eigene Fördermenge nie groß genug, den anderen ist der Preis selten hoch genug. Dieser Dauerkonflikt ist von den Arabern selbst wie auch von westlichen Beobachtern oft ideologisch verklärt worden: Man sprach gern von „prowestlichen“ oder „gemäßigten“ Erdölproduzenten auf der einen Seite und von „prosowjetischen“ auf der anderen. Wie sehr dabei dieser Dauerkonflikt verkannt wurde, führt die aktuelle Golfkrise deutlich vor Augen: Die tiefe Kluft zwischen den arabischen Erdölförderländern hat das Ende des Ost-West-Konflikts überlebt, weil sie niemals ein bloßes Resultat dieses Konflikts gewesen ist. Sie ist allenfalls zeitweilig von ihm überdeckt oder durch ihn verstärkt worden.

Die Kluft zwischen den Erdölländern ist vielmehr das Ergebnis von zumeist mit dem Lineal gezogenen Grenzen auf der arabischen Landkarte, die einst von den europäischen Großmächten – oft nur zum Zweck der Kontrolle über die arabischen Erdölreserven – festgelegt wurden. Fast menschenleere, aber erdölreiche Wüstenstriche wurden dabei zu Staaten gekürt. Bezahlt haben sie ihre Staatlichkeit mit exklusiven Erdölkonzessionen für die jeweiligen europäischen Erdölgesellschaften. Ein gutes Beispiel dafür ist die Entstehung des Staates Kuwait aus einer kleinen Wüstensiedlung, die zuvor jahrhundertelang zur osmanischen Provinz Basra gehörte, die, mit Ausnahme eben von Kuwait, später ein Teil des Irak wurde.

Die zumeist am grünen Tisch gezogenen Grenzen haben zu einer derart starken „Balkanisierung“ Arabiens geführt, daß es den arabischen erdölexportierenden Staaten – auch nach Erlangung der vollen Souveränität über ihre Erdölreserven – nicht möglich gewesen ist, das letztlich nicht von ihnen zu verantwortende erdölpolitische Dilemma untereinander zu beenden. Der Grund dieses Dilemmas ist nämlich die extrem unterschiedliche Ausstattung mit Land, Menschen und Erdölreserven und damit die schiere Unvereinbarkeit ihrer jeweiligen Erdölinteressen.

Abgesehen von Palästina, besitzen von den restlichen zwanzig Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga nur dreizehn – elf Mitglieder der Organisation arabischer erdölexportierender Staaten (OAPEC) sowie die Nicht-Mitgliedsstaaten Oman und Jemen – Erdölreserven von nennenswertem Umfang. Vier davon, nämlich Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hatten 1989 jeweils einen Anteil von zehn (Kuwait) bis fast zwanzig Prozent (Saudi-Arabien) an den Weltreserven, während der Gesamtanteil der restlichen neun Staaten knapp sechs Prozent betrug. Diese extrem unterschiedlichen Besitzverhältnisse sind der Grund dafür, daß der Erdölpreis zum innerarabischen Dauerkonflikt geworden ist.