Mein Rußland & meine russischen Freunde – ein Photoalbum,

Von Jens Reich

Ich war privilegiert. Ich durfte für mehrere Jahre als Biomathematiker in der Sowjetunion leben und arbeiten, und zwar mit Familie und außerhalb der Hauptstadt – so daß wir ohne Aufsicht (und ohne die Kinder der Indoktrination in der DDR-Botschaftsschule aussetzen zu müssen) mitten unter Russen leben konnten.

Ein Privileg nicht materieller Art: Denn Essen und Kleidung für die Familie zu besorgen war unbeschreiblich mühselig, weil wir alles per Flugreise aus der DDR heranschaffen mußten. Ein einigermaßen unserem Berliner Standard entsprechendes Essen (Gemüse, Fleisch) kam uns sehr teuer. Wir haben nach diesen Jahren nicht mehr so oft über das Leben in der DDR geklagt. Wir wußten jetzt, wie armselig die Sieger des Zweiten Weltkrieges leben und wie entnervend die Suche nach dem Notwendigsten ist.

So war Rußland für uns der zeitweilige Auslauf aus dem Käfig. Wir konnten ein weit entferntes Land erleben; die ganze Familie erlernte eine reiche, fröhliche und schwermütige Sprache; wir lebten in einer Kultur, die gleichzeitig fremd war, rätselhaft, und doch hinreichend europäisch, so daß man sich nicht als Exot ausgegrenzt fand. Die vereinbarten Codes, die Körpersignale, die Tabus – alles war unbekannt, aber gerade noch einfühlbar. Vom weiten Rand Europas her lernten wir – im Vergleich – unser Mitteleuropa erkennen.

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Was ist das? Es ist grün, kriecht durch den Staub und riecht nach Wurst... Die Elektritschka, der Vorortzug von Moskau, dessen Schienennetz Hunderte von Kilometern in die Umgebung reicht, ist grün und stets überfüllt. Millionen „Untermoskauer“ versorgen sich täglich mit dem Nötigsten aus der Hauptstadt.