Von Jürgen Manthey

Albert Drach ist nicht nur ein einfallsreicher Schriftsteller. Der inzwischen Siebenundachtzigjährige ist auch ein produktiver Leser. Er kennt die Herausforderung durch seine großen Vorgänger. Sein Buch „‚Z.Z.‘ das ist die Zwischenzeit“, das er Protokoll nennt, ist vor dreißig Jahren schon einmal erschienen und war seitdem verschollen. Die Neuausgabe jetzt, zwei Jahre nach der Verleihung des Büchner-Preises an Drach (sowie nach der Wiederveröffentlichung von „Unsentimentale Reise“ im Jahr 1988 und „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“ im Jahr 1989), macht ein Werk zugänglich, das dem Stoff nach eine Autobiographie, der Form nach aber einen Angriff auf diese Erzählform darstellt. Drach hebt die Gesetze auf, die für dieses Genre gemeinhin gelten.

Er erzählt von sich, dem Rechtsanwalt in Mödling bei Wien in den Jahren 1935 bis 1938, der darum bemuht ist, die Töchter und Ehefrauen von Klienten zu Fall, und das heißt vor Gericht zu bringen. Stilprobe: „Als er ihre seidige Haut rühmte, die tatsächlich ihr Bestes war, und mit diesem Lob das bisherige Schweigen aufgab, hörte er sie leise wimmern, später heulen, wobei die Tränen, mit denen sie ihren befürchteten Fall beklagte, sich mit dem Schweiß seiner Anstrengung, diesen herbeizuführen, vermischten, während sie glaubhaft versicherte, sie hätte bisher niemals einem Manne angehört.“

Die syntaktischen Verschränkungen in diesem Satz zeigen bereits an, daß es dem Autor um eine andere Vereinigung geht als um die der Geschlechter, um eine andere Unterwerfung als die von wimmernden, heulenden Jungfrauen durch einen rabiaten Verführer: um die Bezwingung des Materials durch die Form. Im Eis der Form sind die Tränen der einen und der Schweiß der anderen ununterscheidbar. Sechzig Seiten und einige Fall-Studien weiter endet eine ähnliche Episode unvermittelt mit dem Nachsatz, „denn es begann ihn bereits vor sich selbst zu ekeln“.

Hier hat einer, der über sich schreibt, eine geradezu jenseitige Distanz zu seinem Sujet. Das ist, mag es auch an manchen Stellen so klingen, keine ironisch verfeinerte priapische Selbstfeier. Das ist eine rhetorisch ausgeklügelte, durch den sarkastischen Protokollstil noch unterstrichene moralische Selbstaufgabe. Literatur, die so aufs Bleibende geht, entsteht nicht nur auf Kosten von Moral, sondern auch auf Kosten von (anderer) Literatur.

Drach mißt sich – und will sich messen lassen – an den berühmtesten Behandlungen des für einen bedeutenden Teil der europäischen Literatur unentbehrlichen Motivs des abwesenden Vaters, der der tote beziehungsweise der totgeglaubte oder totgewünschte Vater ist. Allen Darstellungen des Vater-Verlusts ist eine Zwiespältigkeit eigen, für die die Schriftsteller – von Homer bis Musil, von Joyce bis Grass – ihre unterschiedlichen, ihre gewagtesten Ausdrucksformen gefunden haben.

Nichts jedoch ist der Art der literarischen Verlustanzeige vergleichbar, die bei Drach mit dem Tod des eigenen Vaters eine Zeit epochaler Schutzlosigkeit ankündigt. Das Buch beginnt damit, daß der soeben Verstorbene in seinen Exkrementen daliegt, nachdem ein Arzt ihm zuletzt noch Rizinus eingegeben hatte, durch das „doch nichts anderes erzielt werden konnte, als die Seele im Sturzflug durch die Arschbacken fortzureißen“.