Der Aufenthalt der Familien hier dauert nur wenige Tage - eine schwierige Situation zwischen Hoffen und Bangen, von der Frauen und vor allem die Kinder besonders betroffen sind. Es stimmt nicht, daß Babys die ganze Reise verschlafen ("Je kleiner sie sind, desto weniger kriegen sie mit"). Ich denke, daß auch der Säugling durch die Aussiedlung einen Bruch in seinen "heimatlichen, gewohnten" Gefühlen und Erfahrungen erleiden kann, wenn nicht vernünftige Bedingungen für Mutter und Kind geschaffen werden.

Die Mütterberatung, das Baden und Wickeln bieten viele Gelegenheiten, Mutter und Kind zu beobachten. Da ist ein Umgang zwischen diesen Menschen, den ich als Kultur bezeichne, der sich von meinem Verhalten unterscheidet. Und da stellt sich die Frage: Will ich etwas bei mir ändern, soll sich die andere ändern - oder aber kann ich es zulassen, daß beides nebeneinander bestehen bleibt? Das Alltägliche macht es deutlich: Wieder ist ein Bus angekommen, mit vielen Säuglingen. Auf dem Flur eine ehrenamtliche Helferin mit einem Bündel auf dem Arm, hinter ihr die junge Mutter. Die Helferin kommt zu mir, schlägt die Decke zurück und sagt voller Entsetzen: "Gucken Sie mal - alles eingepackt, die Füße und die Arme auch noch, das arme Kind Für unsere Augen ungewöhnlich: Bis zum dritten Lebensmonat werden die Kinder fest gewickelt, mit sicheren Griffen eingepackt, in ein großes Tuch eingeschlagen, die Arme liegen eng am Körper.

Ich sage: "Na und, das machen sie immer so " Die Mutter steht hinter uns. Ihr wird das Baby abgenommen, und sie spürt, auch wenn sie unsere Sprache nicht versteht, das Entsetzen der Helferin. Und sie muß sich fragen, was an ihrem Baby so schlimm ist. Muß ich jetzt diese Mutter belehren? Nein, jede zusätzliche Unsicherheit bei der Mutter halte ich für schädlich.

Immer wieder erlebe ich, daß die Großmütter extra geholt werden, um die Babys zu baden. Sie spielen eine wichtige Rolle in der Familie, und manchmal irritiert mich ihr Auftreten. Ich empfinde es als Einmischung, weil ich von dem Bild der alles beherrschenden Schwiegermutter ausgehe. Auf Fragen heißt es aber: Es ist üblich, daß die ältere Mutter den jungen Säugling badet, um der jüngeren die Arbeit abzunehmen. Eine sinnvolle Arbeitsteilung. Da stehen dann zwei Frauen und befassen sich ganz intensiv mit dem Kind. Das Baby wird, mit einem Tuch umwickelt, sanft zu Wasser gelassen, ganz vorsichtig benetzt und dann erst ausgewickelt, damit es sich nicht erschreckt. Die Großmutter gibt ihre Technik weiter und vermittelt große Sicherheit.

Was sind eigentlich Ölpflegetücher? Zu Hause wurden wunde Popos noch mit Wasser und Rosenblättern geheilt. Wenn mir als Mutter dann noch ein Doktor sagen würde: "Sie wickeln Ihr Kind falsch", würde ich mich in meine vier Wände verkriechen und sagen: Das schaffe ich nie. Weil jede Veränderung der Mütter Auswirkungen auf den Säugung hat, wollen wir Unsicherheiten vermeiden. Es sind nicht nur der Klimawechsel, die andere Nahrung, das andere Wasser, was dazu führt, daß die Babys mit Schlaflosigkeit, Trinkschwäche, Unruhe, Durchfällen, Hautveränderungen und Gewichtsabnahme reagieren. Oft muß ich bei uns selbst eine Arroganz feststellen, die den Müttern all unsere Errungenschaften vom Fisher Price Spielzeug bis zur Ultratrockenwindel sofort aufschwatzen will. Ich bestärke die Mütter darin, ihre Methoden erst mal beizubehalten, sich aber weiter zu informieren, neugierig zu sein und von sich aus zu entscheiden und ihr Verhalten dann zu ändern, wenn sie es selbst wollen: Wenn sie gelernt haben zu wählen. Für ältere Kinder stellt sich der Verlust von Heimat anders dar. Sie verlassen mit ihrem Geburtsort auch gleichzeitig ihre Kindheit. Die Aussiedlung ist ein Trauma. Fast jedes Kind ist mehr oder weniger stark von Heimweh betroffen. Sie spüren die freudige Erwartung der Eltern, sind zunächst sehr neugierig und aufgeschlossen. Was sie hier zu entdecken haben, sind eine neue Landschaft, andere Bäume, anderes Wetter, anderes Essen, andere Menschen - und andere Wörter. Bei der ersten Begegnung - "Raus aus dem Bus" oder "Mach doch die Tür zu" - wird sich diese neue Sprache im Herzen festsetzen als angenehm oder unangenehm. In der Spielstube machen wir die Erfahrung, daß die fremde Sprache eigentlich kein Hindernis ist. Vielmehr sind der Ton der Sprache und ihre Melodie wichtig, ebenso wie das Verhalten der Sprechenden. Es ist schon passiert, daß in der Kuschelecke die Kollegin saß und ein deutsches Märchen vorlas; um sie herum saßen polnische und russische Kinder und hörten aufmerksam zu. Altere Kinder haben sich ein Puppenstück ausgedacht und aufgeführt. Das Publikum: Kinder, die längst nicht alles verstehen konnten und doch lebhaft der Handlung folgten.

Bei der Kleiderausgabe kommt immer wieder die Aufforderung: "Sag danke"; in einem Ton, der mich ahnen läßt, daß in dem Moment bei dem Kind Widerspruch ausgelöst wird. Die Kinder tiotzen, und wenn wir dann in der jeweiligen Muttersprache nur ein Wort sagen, eine Brücke biuen, hellt sich das Gesicht des Kindes auf. Durch das Bedürfnis der Eltern, ihr "DeutschSein" zu dokumentieren, wird Druck erzeugt. Es kämmt vor, daß sich die Großmütter für ihre Enkel entschuldigen, die kein Deutsch sprechen. Die Eltern stehen unter einem hohen Leistungsdruck und geben diesen an die Kinder weiter. Die alte Sprache soll vergessen werden; jetzt wird Deutsch gesprochen "Sag danke "

Lernen kann so schon im Keim erstickt werden. Wird in der Familie die gewohnte Sprache weitergesprochen, werden Koseworte, Schlaflieder beibehalten? Ich frage mich, ob den Eltern ihr Verhalten in seiner Konsequenz klar ist. Das sollte in den Sprachkursen der Erwachsenen besprochen werden. Wie lernen die Kinder die neue Sprache? Wird ihnen Zeit gelassen, die neue zu lernen, müssen sie die alte vergessen? Deutlich wird es an den Vornamen. Der Sorgeberechtigte hat die Möglichkeit, "eine fremdländische Vornamensform in die ursprüngliche deutsche Form zu ändern". Viele Jungen heißen Wowa. Wowa ist die Koseform für Wladimir. Hier heißt das Kind dann Waldemar. Was aber geschieht mit dem Kind? Ungewollt wird ihm ein Stück seiner Identität genommen. Wenn eine Mutter ihren Dreijährigen im Kindergarten abgibt mit den Worten: "Sagen Sie Erich zu ihm", fragen wir auch das Kind, was es davon hält. Wir zeigen dem Kind, daß es seinen alten Namen behalten darf. Wenn es irgendwann selbst sagt: Ich heiße Agnes und nicht Agneschka (Agnieszka), dann ist es in Ordnung. Die andere Kindheit muß nicht vergessen werden.