Das hat es mal gegeben: Staatskarossen stoppen, weil die Ampel auf Rot steht, Türen springen auf, kräftige junge Männer stürzen heraus und bilden mit entsicherten Maschinenpistolen einen Halbkreis, bis Grün kommt. Szenen aus den archaischen Zeiten der Bonner Sicherheit, in den siebziger Jahren, als der Terrorismus ein prominentes Opfer nach dem anderen fand.

So martialisch geht es schon lange nicht mehr zu, auch jetzt nicht, nach den Attentaten auf Wolfgang Schäuble und vorher auf Hans Neusel, seinen Staatssekretär, und auf Oskar Lafontaine. Aber an die schwerbewaffneten Cordons fühlt man sich schon erinnert, wenn man sieht, welcher Schwarm von Sicherheitsleuten nun wieder jede auch nur höhergestellte Person umgibt, wenn sie, zum Beispiel, ihre Wohnung verläßt. Oder wenn im Parlaments- und Regierungsviertel die noch zahlreicher gewordenen Polizisten umhergehen und die Anwohner auffordern, ihre Mülltonnen möglichst mit Vorhängeschlössern zu verriegeln, damit dort keine Sprengsätze deponiert werden können und der Müll nicht dauernd polizeilich inspiziert werden muß. Absoluten Schutz gibt es nicht, das ist klar. Doch nach jedem neuen Schock beruhigt es das Gewissen, wenn erst einmal Perfektion versucht wird – ganz gleich, ob von Psychopathen oder Terroristen Gefahr droht.

Perfekter Schutz und öffentliche Demokratie liegen freilich im Konflikt miteinander. Wahlkampagnen sind den Sicherheitsleuten ein Greuel. Auch manchen Politikern? Die Schüsse auf Schäuble haben zugleich der verdeckten Diskussion über den dauernden Wahlmarathon neuen Stoff gegeben. Der Innenminister ist bei einer Vorwahlkundgebung schon für den 2. Dezember getroffen worden. Aber auf den Stimmgang zum Bundestag wird Ende Januar bereits die Landtagswahl in Hessen folgen, darauf Ende April die in Rheinland-Pfalz. Und so weiter und so fort.

Bei nun sechzehn Bundesländern läßt sich leicht vorstellen, was das bedeutet. Daß in den östlichen Gliedstaaten einstweilen zum gleichen Termin abgestimmt wird, ist nur ein geringer Trost, denn sie können sich ja, wie im Westen, unterschiedlich lange Legislaturperioden geben. Viel mehr zählt, daß jede Teilwahl, wie immer wieder geschehen, zum nationalen Test hinaufstilisiert werden kann – und es nach ihrem politischen Gewicht auch wäre, wenn es um die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat ginge.

Manche plagen deshalb, gerade seit dem jüngsten Anschlag, düstere Visionen. Die Politik ständig auf dem öffentlichen Markt, eine fortwährende Politisierung: Ist das nicht auch ein Reiz für Attentäter aller Art? Kaum gedacht, werden solche Gedanken auch schon wieder verbannt, als Häresie gegen die Demokratie. Aber daß sie gedacht werden, ist ein Tatbestand für sich.

*

Aus der DSU, dem Bankert der CSU, wird nun wohl nichts mehr werden. Doch daß sie bei den Landtagswahlen in der ehemaligen DDR überall eingebrochen ist, wirkt wie eine späte Fußnote zur deutsch-deutschen Entfremdung. Als die Bayern der DSU unter die Arme griffen oder sie oft überhaupt erst in die Welt setzten, hatten sie, neben allerlei zweiten Gedanken gegenüber der großen Schwester CDU, eine honorige Annahme. Die lief darauf hinaus, daß der Ost-CDU als alter Blockflöte wohl keiner mehr folgen werde und deshalb eine neue konservative Partei gewaltige Chancen haben müsse.