Wie die unerbittliche Rückschau auf unsere Berichterstattung zur Wiedervereinigung am 3. Oktober zeigt, passierte, was nicht passieren durfte. In den insgesamt doch recht zahlreichen und ausführlichen Kommentaren und Analysen wurde ein wichtiger gedanklicher Ansatz völlig vernachlässigt: die Wiedervereinigung aus Sicht des Off-road-Fahrers. Ein ärgerliches Versäumnis, das wir an dieser Stelle wiedergutmachen wollen, indem wir unverzüglich den Kopf einziehen und uns hineinversetzen in das Cockpit eines Four-wheelers in den Jahren vor dem 3. Oktober.

Man kann es nicht anders sagen, es war damals ein trostloses Leben hierzulande. Mehr als 350 000 Geländewagen, mehr als 350 000 Geländefahrer – und kein Gelände. Eine durchnormierte Bundesrepublik, lauter Straßen aus Beton, Ampeln an jeder Ecke, kaum Kiesgruben, der verbliebene heimische Forst von militanten Wandervögeln ängstlich bewacht. Trauriges Schicksal eines Offroaders, geächtet und verdrängt auf den ausgeleierten Boden von Truppenübungsplätzen.

Was blieb, war Off-road in der Großstadt. Mit unserem rammschutzbewehrten Liebling („Zündschlüssel umdrehen, Radio aufdrehen und dann in Richtung Freiheit abdrehen“) am Samstagmorgen zum Markt, Parkplatzjagd vor dem Fitneßstudio am Nachmittag (zwischendurch Tanken), seien wir ehrlich, es waren Herausforderungen von mäßigem Reiz.

Hinzu kam, daß wir kaum noch aus dem Auto sehen konnten, ohne in die Augen von unseresgleichen zu blicken. Ob Schwabing oder Pöseldorf, ob Goslar oder Wuppertal, täglich waren es mehr Männer, die wie weiland Rommel in der Wüste für die Touren zum Markt und ins Fitneßstudio das möglichst grobstollige Kastenfahrzeug wählten.

Vor diesem Hintergrund also, 3. Oktober, Deutschland, einig Vaterland. Aus der spontanen Freude heraus sind wir gleich losgefahren. Wir kamen zügig voran, mit 160 Kaemha nach Herleshausen und dann gleich runter von der Bahn. Die ersten Gräben – unter Zuhilfenahme des serienmäßigen Sperrdifferentials – zogen wir im Grenzgebiet von Thüringen, bevor wir, noch etwas atemlos, paradiesisches Terrain in Brandenburg entdeckten, wo tatsächlich reichlich Natur noch ungenutzt herumliegt. Wir ließen die Motoren röhren, und als der Morgen graute, hatten wir die Scholle fein säuberlich auf links gedreht.

Kaum zurück von diesem Trip, Schluß mit der Freude, das Übliche, die alten Miesmacher melden sich zu Wort. Unter dem Eindruck der Geländewagenkarawanen, die nun frohgemut zum Abenteuer Richtung Osten rollen, fordert ein gewisser Helmut Röscheisen, Geschäftsführer des Deutschen Naturschutzringes, Bonn zum Eingreifen auf. Röscheisen beklagt die „seuchenartige“ Zunahme der Zahl von geländetauglichen Allradfahrzeugen. Mehr noch, offenbar allen Ernstes versteigt sich der Mann zu dem Vorschlag, in Zukunft europaweit nur noch bestimmten Berufsgruppen wie Förstern oder Landwirten das Recht auf Geländewagen einzuräumen.

Also, Herr Röscheisen, auf Leute wie Sie haben wir gerade gewartet. Wie wäre es, wenn Sie einmal aus Ihrem Ökogarten herausträten und sich der Wirklichkeit stellten? Am Kamener Kreuz, Freitagnachmittag um vier beispielsweise, Stillstand, bestenfalls Zähflüssigkeit, kein schöner Anblick, nicht wahr? Mit Leuten Ihrer Couleur kommen wir nicht weiter, das Recht auf freie Fahrt, ohnehin schon systematisch entwertet im Laufe der Zeit, ist ein zu hohes Gut, als daß es leichtfertig unter die Räder kommen dürfte.

Schluß also mit dem weinerlichen Getue, nicht von der Straße auf die Schiene, von der Straße ins Gelände lautet das Gebot der (historischen) Stunde. Jetzt, wo nach vierzig Jahren drüben endlich der Atem der Freiheit weht, können wir den Naturschutzbeamten nur dringend raten: Finger weg von Brandenburg und Thüringen. Von der Stasi zum Öko-Terror, das ist nur ein kleiner Schritt. Hanns-Bruno Kammertöns