Stuttgart! Mannheim

Die Grünen sehen schon „Rex Gildo auf dem Nierentisch“ tanzen, die Landes-SPD spricht von einer „Schnapsidee“, und selbst CDU-Minister maulen hinter vorgehaltener Hand, die zwanzig Millionen Mark, die der baden-württembergische Ministerpräsident für eine „Showakademie“ ausgeben will, könne man gescheiter für die Renovierung von Polizeikasernen verwenden. Aber Lothar Späth ist fest entschlossen, angehenden Entertainern im Ländle eine Heimstatt zu schaffen. Mit den neuen Studiengängen „Show/Musical“ und „Jazz/Pop“ an der Mannheimer Musikhochschule will er die „unglaublichen Nachwuchsprobleme“ der Branche lindern.

Noch ist die Kabinettsvorlage des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst nicht abgesegnet; im Frühsommer wurde das 25-Stellen-Konzept sogar schon einmal zum Abspecken an das Ressort zurückverwiesen. Aber die Einrichtung einer Showschule in den Räumen des traditionsreichen Mannheimer Tulla-Gymnasiums ist so gut wie beschlossene Sache. Im Herbst 1991 soll die Kaderschmiede ihren Studienbetrieb mit fünf Lehrkräften, zwanzig Showstudenten und einem Jahresetat von 1,3 Millionen Mark aufnehmen. Und weil für eine „solide Vorbereitung“ (Regierungssprecher Reichel) eines so wichtigen Projekts Studienreisen von Expertenkommissionen unabdingbar sind, wurden im fünften Nachtragsetat dieses Jahres schon einmal 50 000 Mark für „Reisen zu Produktions- und Ausbildungsstätten im Ausland“ reserviert.

Daß das Geld aus dem Haushalt der Schiller-Gesellschaft und des Marbacher Literaturarchivs abgezweigt wurde, nährt die Vermutung, daß Späth sich nach „High-Tech“ und „High-Culture“ nun offenbar einen neuen postindustriellen Innovationsschub von der leichten Muse erhofft.

Als Gründungsprofessorin hat er bereits eine Branchenkraft ausgespäht, mit der ihn nicht nur eine von jugendlicher Schwärmerei zu familiärer Duzfreundschaft gereifte „persönliche Sympathie“, sondern auch das „schaffige“ Arbeitsethos verbindet: Caterina Valente. Schon unter Adenauer Deutschlands einzige Entertainerin von Rang, galt sie einst als die (zwölfsprachige) Stimme des Wiederaufbaus; böse Ohren hörten aus den 1500 Chansons („Tipitipitipso“, „O bajo bongo“) des gänzlich unverruchten Fräulein Wirtschaftswunder sogar den swingenden Rhythmus des „Schaffeschaffe-Liedle-Bauens“ heraus.

Im Jahr 1985 hatte Späth „Caterina der Großen“ anläßlich ihres fünfzigjährigen Bühnenjubiläums das Bundesverdienstkreuz I. Klasse verliehen. Und als die verdiente Unterhalterin jetzt – in Gestalt ihres agilen Managers Rainer Ritter – mit dem Gedanken an den Landesvater herantrat, ihr Können in einer Showakademie an jüngere Kräfte weiterzugeben, konnte der der Versuchung nicht widerstehen, wieder einmal der erste zu sein – sieht man davon ab, daß auch die ehemalige DDR ihre Maîtres de plaisir akademisch auszubilden pflegte.

Kunst-Staatsrat Wolfgang Gönnerwein machte sich zum Fürsprecher des Showbizle-Projekts („Die Musical-Kiste ist reif“), und selbst Kunst-Minister Engler, dem eine gewisse reservierte Distanz zu dem Vorhaben nachgesagt wird, mochte sich der Bedarfsanalyse nicht länger verschließen. Der Rektor der Mannheimer Musikhochschule, Professor Kegelmann, erwartet jetzt die Leicht- und Popularmusiker einerseits mit geheimem Mißtrauen („Wir machen keine Zirkusnummern“), andererseits aber auch mit dem Stolz des Schulherren, der bald die ersten und einzigen Curricula für Sänger, Tänzer und Instrumentalisten in Deutschland anbieten kann.