Unter dem Deckmantel der Steuerersparnis läßt sich vieles verkaufen, selbst wenn Bonität und Ertragskraft zu wünschen übrig lassen. Bauherrenmodelle, geschlossene Immobilienfonds und nicht zuletzt Beteiligungen an wirtschaftlich unsicheren Unternehmen sind bei deutschen Anlegern gefragt, wenn sie nur einen Steuerbonus erwarten lassen. Mancher Anleger wäre freilich froh, sich eher heute als morgen von seinem Objekt trennen zu können, selbst wenn damit oft erhebliche Verluste verbunden sein mögen. Kein Wunder also, daß der Markt der Steuersparmodelle in den letzten Jahren in vielen Bereichen deutlich geschrumpft ist. Auch gesetzliche Neuregelungen haben allzu unseriösem Treiben inzwischen einen Riegel vorgeschoben.

Eine grundsolide Möglichkeit des Steuersparens durch Geldanlage gibt es dennoch: Berlin-Darlehen nach den Paragraphen 16 und 17 des immer noch geltenden Berlin-Förderungsgesetzes. Die Abschaffung dieses Gesetzes ist nach Meinung von Experten freilich nur noch eine Frage der Zeit, denn nach dem Fall der Mauer ist die Grundlage dafür nicht mehr vorhanden.

Noch aber ist diese Form der Steuerersparnis möglich und einfach zudem: Der Anleger gibt – entweder direkt oder durch Vermittlung seiner Hausbank – einer der zum Verfahren zugelassenen Berliner Banken ein Darlehen, das für industrielle Investitionen (Paragraph 16) oder für den Berliner Wohnungsbau (Paragraph 17) eingesetzt wird. Die Haftung für das Darlehen übernimmt in vollem Umfang die annehmende Bank. Das Darlehen wird laufend verzinst und in gleichmäßigen Jahresraten zurückgezahlt. Darlehen nach Paragraph 16 laufen dabei wahlweise acht, zehn oder zwölf Jahre und werden vom Ende des vierten Vertragsjahres an getilgt. Bei Darlehen nach Paragraph 17 beträgt die Laufzeit 25 Jahre mit Rückzahlung in gleichbleibenden Jahresraten.

Der Clou sind jedoch die Steuervorteile: Zwölf Prozent der Darlehenssumme bekommt ein Anleger bei Darlehen nach Paragraph 16 vom Fiskus zurück; bei den Darlehen nach Paragraph 17 beträgt die Steuerersparnis sogar zwanzig Prozent der Darlehenssumme. Bei diesem Satz handelt es sich jedoch nicht um Steuervorteile, die etwa in Form von Sonderausgaben oder Werbungskosten das zu versteuernde Einkommen mindern. Der Steuerbonus wird vielmehr unmittelbar von der zu zahlenden Steuerschuld abgezogen. Zeichnet ein Anleger also ein achtjähriges Berlin-Darlehen über 10 000 Mark, mindert er seine Steuerzahlung im Jahr des Abschlusses um 1200 Mark. Daher spielt es grundsätzlich auch keine Rolle, ob der Anleger nun einer hohen oder niedrigen Steuerprogression unterliegt, denn die Steuervorteile stehen jedermann im gleichen Umfang zu. Zudem gibt es beim Finanzamt keine Diskussion um die Anerkennung: Das Berliner Kreditinstitut stellt eine entsprechende Bescheinigung aus, die den Steuervorteil sichert. Einzige Einschränkung dieser Steuerersparnis-Methode: Maximal kann die Steuerschuld via Berlin-Darlehen auf die Hälfte reduziert werden.

Jede Kapitalanlage ist jedoch nur so gut wie die damit verbundene Verzinsung. Zwar wurden die Konditionen der Berlin-Darlehen im Sommer 1990 aufgebessert, umwerfend attraktiv sind sie dennoch nicht. So werden die Paragraph-16-Darlehen – laufzeitunabhängig – mit 6,5 bis 7,0 Prozent verzinst, und auch bei den Darlehen nach Paragraph 17 sind die gebotenen 6,5 Prozent deutlich niedriger als das aktuelle Zinsniveau festverzinslicher Wertpapiere. Zusammen mit der Steuerersparnis klettert die Rendite jedoch auf 9,39 bis 9,45 Prozent beziehungsweise 9,24 Prozent. Da Berlin-Darlehen keiner weiteren Spesenbelastung unterliegen und Kursrisiken mangels vorzeitiger Ausstiegsmöglichkeit ebenfalls unbekannt sind, schneiden sie im Vergleich mit festverzinslichen Wertpapieren nicht schlecht ab. Für Anleger, die gerne jederzeit Zugriff auf ihr Geld haben, sind festverzinsliche Anleihen jedoch vorteilhafter, da die Papiere zum aktuellen Tageskurs schnell wieder verkauft werden können. Ein Berlin-Darlehen mit achtjähriger Laufzeit kann etwa mit einer Anleihe mit 6,5 Prozent Nominalverzinsung verglichen werden, die zu einem Kurs von 88 Prozent erworben wird. Solche Titel sind an der Börse im Moment problemlos verfügbar. Der Vorteil der vorzeitigen Ausstiegsmöglichkeit muß allerdings – auch dies muß berücksichtigt werden – mit einer zusätzlichen Belastung durch Kaufspesen und Depotgebühren „erkauft“ werden. Keinesfalls übersehen werden darf freilich, daß die Erträge aus Berlin-Darlehen ebenso wie jede andere Form von Zinsertrag zum steuerpflichtigen Einkommen gerechnet werden. Ein „Vergessen“ in der Steuererklärung kann dabei zum teuren Unterfangen werden, ist das Finanzamt doch bereits durch die Steuererstattung über die Existenz des Berlin-Darlehens informiert.

Berlin-Darlehen nach Paragraph 16 müssen generell aus eigenen Ersparnissen aufgebracht werden, während die langfristigen Darlehen nach Paragraph 17 auch über Kredite refinanziert werden können. Diese Möglichkeit führt allerdings in der Branche der Finanzdienstleistungen zu erheblichen Auswüchsen. Nachdem die Refinanzierung per Bankkredit angesichts der geforderten Konditionen von zehn Prozent und mehr kaum attraktiv ist, werden Berlin-Darlehen gerne mit einer neu abzuschließenden Kapital-Lebensversicherung gekoppelt. Die Versicherungsgesellschaft gibt dann einen relativ zinsgünstigen Kredit, der zur Zeichnung des Berlin-Darlehens verwendet wird. Die Rückzahlung erfolgt über die Kapital-Lebensversicherung, die wiederum weitgehend aus den Rückflüssen aus dem Berlin-Darlehen angespart wird.

Angesichts zusätzlicher steuerlicher Möglichkeiten hat ein solches Modell zwar durchaus seinen Reiz. Doch lohnt sich genaues Nachrechnen. Insbesondere bei älteren Anlegern verschlingt die Risikoabsicherung einen erheblichen Teil der Beiträge und kommt nicht dem Sparanteil der Versicherung zugute. Zudem belasten Vertreterprovision und Verwaltungskosten die Renditerechnung. In vielen Fällen ist daher oft jahrelang eine bare Zuzahlung erforderlich, da die Rückflüsse aus dem Berlin-Darlehen die Versicherungskosten nicht decken. Und die Rendite des Koppelungsgeschäftes liegt oft nur sehr geringfügig über dem Ertrag eines selbstfinanzierten Berlin-Darlehens. Zudem sind viele Modelle mit Unwägbarkeiten behaftet: Ist etwa der Zinssatz für das Darlehen nicht oder nur über einen sehr kurzen Zeitraum festgeschrieben, läuft der Anleger Gefahr, nach Ablauf der Zinsbindungsdauer überproportional mehr belastet zu werden. Wissen muß der Anleger auch, daß die Ablaufleistung der Lebensversicherung nicht garantiert werden kann oder darf, so daß die vorgelegten Musterrechnungen durchaus mit Skepsis betrachtet werden müssen. Hingegen kann die Koppelung dann interessant sein, wenn einerseits die Refinanzierungskosten niedrig sind und andererseits – vornehmlich bei jungen Anlegern – tatsächlich ein hoher Ertrag aus der Lebensversicherung erwartet werden kann.

Solidus