Von Annemarie Stoltenberg

Françoise Sagan läßt einen Mann an „Seidener Fessel“ zappeln. Es ist der arme Musiker Vincent, der von einer reichen höheren Tochter geheiratet wird, die ihn für ein Genie hält. Sie ermöglicht ihm bei mäßigem Taschengeld konzentrierte Arbeit an einer Konzertpianistenkarriere. Er rächt sich für zahllose Demütigungen, indem er kein hochbegabtes Genie wird, sondern ein vertrottelter Flaneur. Aber eines Tages komponiert er eine Filmmusik, die ihn mit einem Schlag zum reichen Mann macht. Der Vater von Laurence bestellt ihn zu sich, schließt Frieden und beschwatzt den harmlos-dämlichen Ehemann seiner Tochter, das Geld so anzulegen, daß nur beide gemeinsam darüber verfügen können. Zu spät bemerkt Vincent, daß die Falle zugeschnappt ist und er auch weiterhin von Laurence abhängig bleibt, unter dem Pantoffel, da wo sie ihn haben will.

Vincent, das Opfer. Wir haben uns darauf eingestellt, mit Vincent zu fühlen. Er jammert und klagt in seinen „Litaneien“ über Laurence, sie sei „intelligent, aber geistlos, verschwenderisch, aber nicht großzügig, schön, aber bar jeden Charmes, aufopfernd, aber nicht gütig, aktiv, aber temperamentlos, neidisch, aber ohne echte Wünsche ... kurz: Sie war leidenschaftlich, wußte aber nicht, was Liebe ist.“

Vincent fragt sich, warum er das alles erduldet, ein einziger Freund ist ihm geblieben, und die bornierten Gesellschaftskreise seiner Frau erträgt er mühevoll. Françoise Sagan inszeniert hier geradezu einen Hochseilakt, doch im allerletzten Moment hält sie eine Überraschung bereit. Es ist nämlich durchaus nicht so, daß Vincent nur das Opfer einer verwöhnten, gehäßigen und kalten Frau ist und an deren seidener Fessel zappelt. Plötzlich verläßt er seine tobende, keifende Frau, befriedigt, ihr entkommen zu sein. Als er noch einmal zu Hause anruft, erfahrt Vincent, daß seine Frau sich aus dem Fenster gestürzt hat. „Sie hatte sich noch die Mühe gemacht, vor dem Sprung einen etwas schicklicheren Morgenmantel anzuziehen“, ist Vincents eigensinniger Kommentar, nicht einmal diese letzte Geste begreift er, einen Dialog, ein Gespräch hat es in dieser Ehe nicht gegeben.

Asma El Moutei Semler hat Vincents Klagearie hervorragend in eine kühle Prosa übersetzt, in eine Sprache, die bei aller Eleganz nie berauscht, sondern sich eher lustig macht über ihre eigene Wirkung.

  • Françoise Sagan:

Die seidene Fessel