ARD, Dienstag, 23. Oktober, 23.00 Uhr: "Die Potemkinsche Stadt"

Denn, Herr, die großen Städte sind / verlorene und aufgelöste; / .. und ist kein Trost, iaß er sie tröste, / und ihre kleine Zeit verrinnt." (Rilke) Wessen kleine Zeit? Ein riesiges Wald-Photo über die ganze Wohnzimmerwand, stämmige Buchen, Bucheckern zwischen rostrotem Laub, ein ferner Horizont, frisch gepflügte Acker – wir sind im siebzehnten Stockwerk. Ali dem Balkon ein winziger Kleingarten, Blumen, Petersilie und ein halber Meter Wiese. Hinterm Balkon der Blick auf die Stadt, die gar keine ist. Von niemandem gegründet, sondern ausgedacht, von niemandem erbaut, sondern "hochgezogen" von einem Spezialistenkommando. Die im siebzehnten Stock sind von Luft umgeben und sind doch keine Vögel. Sie sind von fremden Leuten umgeben und leben coch nicht in der Fremde. Alles ist vermehrt und scheint doch ganz normal in der Potemkinschen Stadt.

"Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen / den Tag, du Nacht, die Tiere und das Kind; / ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen / und mit den Dingen, welche willig sind." (Rilke) Was ist willig? Das warme Wasser, das in die Wanne läuft, das bunte Bild, das aus der Glotze läuft, die Zentralheizung ist es und der Kühlschrank. Aber der sich ihrer bedient, der es sich wohl sein läßt im siebzehnten Stock, wird immer willenloser. Er lebt nicht in Symbiose mit seiner Behausung, denn die bleibt, was sie ist, schwebt wie ein Raumschiff durchs Nichts. "Noch niemand weiß, was es bedeutet, ein Leben im siebzehnten Stock oder siebenundvierzigsten Stock und nicht ebenerdig gelebt zu haben", schreiben die Filmautoren Mischka Popp und Thomas Bergmann. In den Gesichtern und Tänzen, in den Gewohnheiten und Stimmen derer, die in den Trabantenstädten unseres Kontinents zu Hause sind, suchen sie nach den Prägungen der Beton-Kulissen.

"Wenn man in der Klinik geboren wird und dort stirbt, warum nicht auch in einer Art Klinik leben?" fragt ein zynischer Bewohner. Die alte Frau über ihm kennt er nicht; sie schließt sich auch am Tage ein, weil man "in so einem Hause nie wissen kann ..." Die Jungs, denen man verboten hat, auf der Tiefgarage Fußball zu spielen, holen sich bei laufender Kamera eben mal ein Radio aus einem geknackten Auto. Der Mann vom lokalen Radiosender betreibt die Satellitenstadt-Kommunikation, man kann ihn anrufen von den einzelnen Raumschiffen aus, man kann, anonym, alle Algerier ins Feuer wünschen und wird dafür auch anonymen Beifall ernten.

Die Satellitenstädte werden als Orte gezeigt, wo künftige Katastrophen reifen; ohne Mord und Totschlag kommen die Filmemacher aus, es gelingt ihnen, das Entsetzen zu zeigen, das von diesen Stadtlandschaften ausgeht und sich in den Gesichtern der Bewohner spiegelt. "Langer Jammer" heißt so eine Siedlung bei denen, die nicht darin wohnen müssen. Bilder von der "Metastadt Wulfen" im Ruhrgebiet, die inzwischen wieder abgerissen wurde, von der Megastadt im Süden Madrids, die schon im Bau wie ein Menetekel ausschaut, von einer Betonstadt am Rande Amsterdams, die zum größten Schwarzenghetto Europas wurde und vom Banlieu bei Paris, wo Rassismus und Drogen das Leben bestimmen – sie zeigen leider keine Randerscheinungen: Im Jahre 2000 werden vermutlich mehr als die Hälfte aller Menschen in solchen Behausungen wohnen. Martin Ahrends