Von Albert Gore

Zum ersten Mal seit 1945 liegt die Kursbestimmung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses vornehmlich in den Händen der Deutschen. Im Augenblick sind die Beziehungen ausgezeichnet, aber ihnen drohen gefährliche Unwägbarkeiten. Das amerikanische Volk und seine Regierung wissen, daß grundlegende Änderungen bevorstehen. Sie gehen mit einem großen Vorrat an gutem Willen gegenüber Deutschland in diese Phase. Gleichzeitig setzen sie auf die große Gemeinsamkeit in Fragen von beiderseitigem Interesse, seien sie militärisch oder ökonomisch. Es hängt jedoch von den Deutschen ab, ob diese Aktivposten erhalten bleiben. Es liegt an Deutschland, ob die Früchte der engen Partnerschaft, die nun schon länger als eine Generation währt, bewahrt werden oder verderben.

Das heißt nicht, daß sich die Vereinigten Staaten von nun an zu einem passiven und stummen Partner entwickeln. Aber wir haben eine historische Wendemarke passiert, von der aus es kein Zurück mehr gibt. Die Institutionen, die uns allen so gut gedient haben, müssen den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Wir haben keine Garantie für einen Erfolg des Erneuerungsprozesses. Dennoch bleibt keine andere Wahl: Wir müssen nach neuen Formen suchen, in die die amerikanisch-deutschen Beziehungen gegossen werden können. Die Bestandsaufnahme sollte am besten bei den gemeinsamen Prinzipien beginnen.

Viele Europäer halten die Vereinigten Staaten für eine Nation, deren häufige Schwankungen ein oberflächliches und wankelmütiges Temperament widerspiegeln. Diese Auffassung enthält ein Körnchen Wahrheit. Aber eben nicht die ganze Wahrheit. Die amerikanische Politik neigt in der Tat zu Pendelschwüngen. Dennoch, sie pendelt um bestimmte Grundwerte, die sich seit Gründung unseres Landes nicht verändert haben.

Wir Amerikaner haben immer geglaubt, unsere Interessen seien am besten in einer Welt aufgehoben, die aus freien Nationen mit genügend Raum für Vielfalt besteht und deren Beziehungen sich durch offene Tore für Handel, Menschen und Ideen entwickeln. Jeden Ansatz im internationalen Leben, der von hegemonialem Ehrgeiz bestimmt ist, empfinden wir instinktiv als Bedrohung. Die Menschen in den USA halten nicht viel von Imperien. Wenn nötig, werden sie sich jeder Tyrannei widersetzen. Wir haben an zwei Weltkriegen und an einem langwierigen Kalten Krieg teilgenommen, in dessen Verlauf wir zweimal in größere bewaffnete Auseinandersetzungen verwickelt waren. Unsere Reaktion auf Saddam Hussein entspricht diesem klassischen Verhaltensmuster.

In einigen Bereichen der deutschen öffentlichen Meinung herrscht offenbar die Auffassung, zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion bestünden fast keine Unterschiede; beide Länder seien zu verdammen, weil sie gleichermaßen nach Vorherrschaft strebten und den Frieden gefährdeten. Mit allem Respekt: Wer solchen Meinungen anhängt, sollte sie überdenken. Die Geschichte des Kalten Krieges wird gerade von der sowjetischen Regierung aufgearbeitet. Die bisherigen Ergebnisse dieser Geschichtsbewältigung rechtfertigen auch im nachhinein die Grundzüge der Politik, welche die Vereinigten Staaten im Rahmen der Nato und in Übereinstimmung mit ihren Alliierten verfolgt haben.

Mitunter heißt es auch: Die amerikanische Politik in Europa mag ja richtig gewesen sein, Amerikas Auftreten in anderen Teilen der Welt aber war es gewiß nicht. Einige werden beispielsweise behaupten, die amerikanische Invasion in Panama sei gleichzusetzen mit der irakischen Invasion in Kuwait. Wenn Gewaltanwendung zur Verjagung eines Tyrannen und seiner unrechtmäßigen Regierung sich mit dem Gewaltakt eines Tyrannen gegen eine legitime Regierung vergleichen läßt, dann haben die Vereinigten Staaten tatsächlich Schuld auf sich geladen. Meiner Meinung nach sind Noriega und Saddam Hussein jedoch aus demselben Holz geschnitzt. Unser größter Fehler im Verhalten gegenüber solchen Leuten bestand darin, sie entweder zu ignorieren oder zu Beginn ihrer Machtentfaltung mit ihnen in dem Irrglauben zusammenzuarbeiten, sie weich machen oder manipulieren zu können. Wenn wir uns in diesen Fällen falsch verhalten haben, dann nur deshalb, weil wir uns zu lange zurückhielten.