Von Michael Ignatieff

BERLIN. – „Wir werden ein Volk ohne Träume sein“, sinniert Heiner Müller und bläst den Rauch seiner Zigarre über das Publikum, das in das Auditorium der Ostberliner Akademie der Wissenschaften gekommen ist, um ihm, dem bekanntesten Bühnenautor und Regisseur Ostdeutschlands, zuzuhören.

Es ist der letzte Abend im Leben der DDR. Eine Büste von Karl Marx blickt zwar noch auf die Menge herab, aber oben die Tür zum Büro des Direktors wurde bereits mit rotem Wachs versiegelt. Was hier geschieht, ist eine Totenwache am Sarg ostdeutscher Kultur, und eine sehr deutsche Sehnsucht nach Leiden und ein sehr deutsches Schuldgefühl über den Wohlstand hat jeden hier erfaßt.

„Ein gewisses Maß an Repression ist gut für die Kultur“, äußert Müller und zitiert Graham Greene, der einmal über die Schweizer sagte, sie hätten drei Jahrhunderte Wohlstand hinter sich und doch nur einen einzigen Beitrag zur Weltkultur geleistet – die Kuckucksuhr. Die Wiedervereinigung, erklärt Müller seinen ostdeutschen Landsleuten, werde sie in eine moralische Welt führen, in der die Menschen glauben – um Brecht zu zitieren –, Unglück sei allein die Folge von Fehlkalkulationen. „Wir werden unsere Erinnerungen verlieren, unsere Vergangenheit und deshalb auch unsere Fähigkeit zu hoffen“, sagt Müller. Wir betreten einen Supermarkt, der das deutsche Kulturerbe nicht in seinen Regalen führt.

Irgendwie höre ich aus all diesen Äußerungen den alten deutschen Gegensatz von innerer und äußerer Freiheit heraus. Im Osten blühte angeblich die innere Freiheit unter einer Zementdecke öffentlicher Lügen. Im Westen dagegen siechte die Freiheit dahin, weil der Konsumarismus den Geist besetzt hat. Die Wiedervereinigung wird dadurch zu einer Art geistiger Kolonisierung. Die jungen Menschen eines sterbenden Staates sollen tatsächlich glauben, die innere Freiheit unter einer Diktatur sei ein höheres Gut als die Freiheit in einem Supermarkt.

Als das Publikum in die Nacht hinausströmte, da verstand ich, wie tröstend es für viele gewesen sein mußte, diese Botschaft zu hören: „Ihr habt zwar verloren, aber vergeßt nicht, daß ihr die letzten, die besten Deutschen seid; denn ihr seid selbst in den sechzig Jahren unter Nazis und Kommunisten der alten deutschen Kultur stets treu geblieben, während eure dekadenten kapitalistischen Brüder auf den glitzernden Zug namens Zivilisation aufsprangen.“

Damit kommt eine weitere Antithese deutscher Geistestradition zum Vorschein: hier die tiefempfundene Kultur, das Reich des Geistes und der Künste; dort die kalte und herzlose Zivilisation, das Reich des Marktes, der Technik, der Effizienz. Keine andere europäische Kultur stempelt Geist und Markt, Kultur und Wirtschaft zu derart unversöhnlichen Feinden wie die deutsche. Die Folge ist eine sehr deutsche Verknüpfung von Unaufrichtigkeit und Masochismus: Keine andere europäische Gesellschaft ist ähnlich konsumorientiert, aber nirgendwo anders wird Konsum gleichermaßen als geist- und seelenlos gebrandmarkt.