Von Carl D. Goerdeler

Computer, Klimaanlagen und Kaffeemaschinen setzten plötzlich aus, und Lifte blieben stecken. Einen Tag lang im August wurde Brasilia vom Strom abgeschnitten. Die Minister mußten ihre Büros über die Hintertreppe erklimmen. Ermittlungsergebnis der Polizei: Unbekannte Täter hatten Hochspannungsmasten umgelegt und den Stromausfall in der brasilianischen Hauptstadt verursacht. Sie wollten wohl den Streik der Kraftwerksangestellten unterstützen.

Es war also nicht der Golfkonflikt, der die Spannung sinken ließ, wie viele befürchtet hatten. „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, mahnte der Staatspräsident Fernando Collor de Mello, „sie verpflichtet uns zu noch mehr Anstrengungen, die Energiekrise zu meistern.“ Die brasilianischen Zuckerbarone, zu denen der Präsident sprach, nickten zufrieden. Die Knappheit bei Erdöl kommt ihnen zupaß. Treibstoff aus dem Zuckerrohr ist auf einmal wieder attraktiv und soll weiter staatlich gefördert werden.

So war es auch vor fünfzehn Jahren. Auf den ersten Ölschock anwortete damals Brasilien mit Bio-Alkohol. Das Proalcool-Projekt entwickelte sich zum weltweit größten Programm nachwachsender Rohstoffe. Es erntete international überschwengliches Lob und harsche Kritik. Die brasilianischen Politiker selbst fuhren mit dem grünen Treibstoff mal im Leerlauf, mal mit Vollgas. Dabei hatten die Proalcool-Gründer kühl kalkuliert: Brasilien hängt von Erdölimporten ab und sitzt gleichzeitig auf Zuckerbergen; die Scheichs drehen am Ölhahn, und Bauern der Industrienationen blockieren die Agrarmärkte. Im eigenen Lande aus Zucker Treibstoff zu destillieren könnte die doppelte Abhängigkeit vermindern.

Der Gedanke war so überzeugend, daß die Weltbank großzügig Kredite gab, damit er in die Tat umgesetzt wurde. Seither ist der Rohrzucker für Brasilien das, was die Ruhrkohle für Deutschland ist: eine strategische Reserve. Hat das wirtschaftlichen Sinn? Jeder macht da seine eigene Rechnung auf. Die reinen Produktionskosten mit Weltmarktpreisen zu vergleichen, reicht wohl nicht; danach wären Rohrzucker und Ruhrkohle viel zu teuer. Was aber kostet die ökonomische Sicherheit? Wo auf der Welt herrschen überhaupt freie Kalorienmärkte? Die Nahrungsbasis und die Energiezufuhr zu sichern, überläßt kein Staat dem Spiel der freien Kräfte.

Brasilien überwand die zweite Erdölkrise rasch und wird wohl auch die jüngste überstehen können, obwohl noch fast die Hälfte des Erdöls importiert wird. Doch davon verbraucht die größte südamerikanische Nation heute ein Drittel weniger als noch vor zwanzig Jahren. Und insgesamt löste sich Brasilien von seiner energiepolitischen Abhängigkeit. Der Rohrzucker spielte dabei nicht einmal die größte Rolle, sondern vor allem die Erschließung eigener Erdölquellen vor der Küste und der Bau von Wasserkraftwerken im Landesinnern. Der Bio-Alkohol steuert zehn Prozent zum nationalen Energiehaushalt bei.

Energieprobleme hat Brasilien trotzdem. Steigende Energiekosten könnten die gerade eingedämmte Inflation wieder wecken. Überdies bereitet weniger der Nachschub, als der Umgang mit der Energie Sorgen. Wie bei der Abholzung der Regenwälder geht es nur um schnellen Ertrag – die Folgekosten, auch die für die Umwelt, wurden ausgeblendet. Hinzu gesellt sich eine gigantische Fehlplanung: Als der Welt größtes Wasserkraftwerk Itaipu fertiggestellt war, stellte sich heraus, daß Leitungen fehlten, um den Strom abzutransportieren und zu verteilen.