Der palästinensische Wirt der kleinen orientalischen Gaststätte gleich am Ortseingang von Bethlehem heißt seine Gäste mit Handschlag herzlich willkommen – auch wenn es Israelis sind. Dann klopft er weiter mit Schwung und Getöse Lammkoteletts. Sobald er damit fertig ist, sucht er das Gespräch, das – wie in Israel und den besetzten Gebieten üblich – schnell bei der Politik landet. Aus seiner glühenden Begeisterung für Saddam Hussein macht der Wirt kein Hehl. Seine Frau, eine Zentralamerikanerin, fürchte zwar einen Nahostkrieg und möchte auswandern. „Aber das kommt nicht in Frage. Wir bleiben und kämpfen.“ Selbstverständlich zöge er selbst für Saddam gegen die Israelis ins Gefecht. Und er würde auch seine fünf Kinder der „Freiheit für uns Palästinenser“ opfern. Sein ältester Sproß ist elf Jahre alt, der jüngste eben zwei geworden.

Mit Hitzköpfen wie dem Wirt hat Faisal Husseini wenig gemein, obschon er täglich auf sie trifft. Während die PLO-Führung in Tunis – die sich gegenwärtig vor allem in Bagdad zeigt – Saddam lautstark unterstützt, verurteilt der fünfzigjährige Führer der Palästinenser in den besetzten Gebieten und Architekt in der Intifada die Besetzung Kuwaits entschieden. Er will „Friedensaktivist“ sein. Und natürlich streitet er auch seine Führungsrolle unter den 1,5 Millionen Palästinensern in der Westbank und im Gazastreifen ab: „Ich bin ein Analytiker.“ Er weiß, wie riskant es hier ist, einen Führungsanspruch zu erheben. Zum einen wegen der wachsamen Israelis, aber mehr noch, weil die PLO-Bosse eifersüchtig ihr Machtmonopol hüten.

Im Gegensatz zu Husseini, der seinen Grundsätzen treu bleibt, haben die offiziellen Vertreter der PLO ihren Führungsanspruch verraten; statt die öffentliche Meinung zu lenken, heulen sie mit den palästinensischen Massen zum Lobe Saddams. Husseini erntet denn auch nur wenig Dank für sein Festhalten an der Suche nach einer Versöhnung mit Israel. Aus den eigenen Reihen bezichtigen ihn die Extremisten, naives Opfer prowestlicher Propaganda zu sein. Und die israelischen Sicherheitskräfte haben ihn während der Massaker am Tempelberg vergangene Woche festgenommen, obwohl er versuchte, mäßigend auf die blutrünstigen Vertreter beider Seiten einzuwirken. Daß die in Jerusalem regierende Rechtsregierung Jitchak Schamirs jedes Gespräch mit Husseini ablehnt, beweist, wie wenig sie überhaupt an einem Dialog interessiert ist.

Husseini kennt die israelische Gefangenschaft. Von den vergangenen drei Jahren hat er fast die Hälfte im Kerker verbracht. Dort hat er Hebräisch gelernt, mit dem er manche israelischen Gesprächspartner verblüfft. Für amnesty international ist er ein Gewissensgefangener. Auf Waffenfunde in seinem Haus, auf Anstiftung zum Aufruhr, auf PLO-Mitgliedschaft, auf Finanzierung von Intifada-Aktivitäten oder auf den Fund eines von ihm redigierten palästinensischen Friedensvorschlags – dem ersten, der Israels Existenzrecht akzeptierte – stützten sich die zahlreichen Anklagen gegen ihn. Doch verurteilt wurde er meist nicht.

Die Akte Husseini trägt den Vermerk „streng geheim“. Nicht einmal sein Anwalt darf das angebliche Beweismaterial einsehen. Das Herz der Intifada mag in Hebron pochen, ihre Faust in Nablus zuschlagen, doch ihr Kopf ist in Ostjerusalem zu suchen. Ihr Kopf ist Faisal Husseini, der allerdings mit andern gemäßigten Vordenkern wie Sari Nusseibeh, dem Philosophieprofessor an der Universität Bir Zeit, und Hanna Siniora, dem Herausgeber der Zeitung Al-Fajr, zusammenarbeitet. Im Unterschied zu diesen eher blassen Figuren verfügt Husseini jedoch über Charisma. Es wächst mit jedem Aufenthalt hinter Gittern.

Sein stattliches Haus am Ölberg in Ostjerusalem ist von einem hohen Zaun umgeben. Hier drücken sich palästinensische Aktivisten, Intellektuelle und bis vor kurzem auch linke israelische Politiker und Journalisten die Klinke in die Hand. In winzigen Tassen wird den Wartenden Kaffee gereicht. Ständig klingelt das Telephon. Faisal Husseini mag es noch so vehement abstreiten: Bei ihm zu Hause – und neuerdings im fast verwaisten „National Palace Hotel“, wo er mit Funktelephon ausgerüstet, sein Hauptquartier aufgeschlagen hat – laufen viele Fäden des palästinensischen Widerstandes zusammen.

Faisal Husseini stammt aus einer der vornehmsten und einflußreichsten palästinensischen Familien. Sein Vater Abdel Kader Husseini starb 1948 als Kämpfer gegen die Zionisten. Einer seiner Onkel war der Großmufti von Jerusalem, Al-Hajj Amin Husseini, dessen Haß auf die Juden ihn gar mit den Nazis kungeln ließ. Für seinen Neffen hingegen begründet Haß keine Politik. Als er aus seiner vorletzten „Administrativhaft“ entlassen wurde, warteten israelische Rechtsextreme vor dem Gefängnistor. Sie rempelten ihn an, spuckten auf ihn und verfluchten ihn. „Nichts vermag den Friedensprozeß zu stoppen“, lautete seine Entgegnung an die Schläger.