Westdeutsche Wirtschaftsprüfer unterstützen Ost-Firmen auf dem Weg in die Marktwirtschaft

Von Wolfgang Hoffmann

Friedrich-Wilhelm Rennen, Jurist in leitender Funktion bei einem Essener Großunternehmen, hat große Pläne. In Haldensleben in der Nähe von Magdeburg will er sie verwirklichen – als Unternehmer. Schon kurz nach der November-Wende hatte er begonnen, dort in dem – 1972 enteigneten – Sägewerk seiner Großeltern nach dem Rechten zu sehen; die achtzig Mitarbeiter unterstützten ihn dabei nach Kräften. Und als die Modrow-Regierung im März die rechtlichen Voraussetzungen für die Rückgabe seines Erbes geschaffen hatte, stellte er einen Reprivatisierungsantrag.

Damit er bei der Übernahme vor bösen Überraschungen gefeit ist, hat sich Rennen von der Rosenheimer Holzindustrie-Beratungs GmbH Professor Heinz Meisenbacher vor Ort genau beraten lassen. Der Wissenschaftler bestätigte ihm in einem Gutachten, „daß mit der vorhandenen Infrastruktur, der Steigerung der Verarbeitungstiefe und -qualität sowie bei Abbau von circa dreißig Prozent der Belegschaft ein konkurrenzfähiges, marktorientiertes Unternehmen gewinnbringend arbeiten wird“.

Am besten stehen heute diejenigen ostdeutschen Unternehmen da, die bereits lange vor dem 1. Juli mit der Umwandlung in eine GmbH begonnen haben, hat Michael Schlößer, Geschäftsführer der Deutschland-Zentrale von Ernst & Young in Frankfurt am Main, festgestellt. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, eine der größten der Welt, hat sich längst auch in Ostdeutschland niedergelassen und berät dort Manager und Eigentümer von Unternehmen beim Übergang in die Marktwirtschaft.

Sybille Göpel, Generaldirektorin des ehemaligen VEB Polygraph, nahm bereits im Februar Kontakt zu den Frankfurter Beratern auf. Obwohl damals noch niemand von der Umwandlung der Kombinate redete, wollte sie wissen, ob das Unternehmen gegebenenfalls auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen überlebensfähig sei. Die Managerin von Polygraph mit acht Firmen und 16 000 Beschäftigten bat um Mithilfe bei der Aufstellung einer Bilanz. Inzwischen hatte die GmbH Polygraph bereits die Leipziger Steuerprüfer im Haus. „Es hat alles gestimmt“, sagt Wirtschaftsprüfer Schlößer, den die Eile des Leipziger Finanzamtes überraschte.

Daß die Steuerzahlungen der Firma gleich gestimmt haben, ist für Schlößer trotz der Beratung aus dem Westen auch ein Beweis dafür, daß es in der DDR durchaus kompetente Manager gab. Das konnten die Frankfurter Wirtschaftsprüfer gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit im Osten feststellen. Damals hatte der Polygraph-Buchhalter bei der Frage nach notwendigen Firmendaten wohl einen arroganten Unterton herausgehört. „Die haben uns erst einmal entgegengehalten, wir befänden uns hier nicht im Urwald“, erzählt Schlößer. „Dann kamen alle Zahlen, die wir sehen wollten, prompt auf den Tisch.“