Wer müßte Grass nicht um die Kraft seiner Sprache beneiden? Hier aber sind seine Übergriffe auf die Ökonomie zu untersuchen: Da gibt’s schon Fehlleistungen. Dennoch: Eine Auseinandersetzung über die Folgen der Wiedervereinigung ist ohne Grass’ Beitrag unvollständig.

„Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht beseitigen. Wie kann das auf Dauer gut werden?“ zitiert Grass anklagend Thomas Münzer, ermordet 1525. Im Bauernkrieg aber kämpften ein schwerbewaffneter Adelsstand plus Söldnerheer mit fast waffenlosen Bauern, die sich oft wehrlos abschlachten ließen. Wir haben die volle menschliche Gerechtigkeit nicht erreicht. Aber: Die Bundesrepublik steht neben Staatssplittern (Monaco, Liechtenstein, Schweiz) mit ihrer sozialen Leistung an der Spitze. In meiner Kindheit gab’s selbst im Frieden noch Hunger, auch für die Kinder des Bürgerstandes. Wo in Deutschland ist der geblieben? Die Deutschen sind reich geworden – auch die einfachsten und ärmsten Bürger leben noch erträglich. Verbesserungen des „sozialen Netzes“ sind immer noch wichtig. Oft aber stoßen wir an die Grenzen, wo mehr verteilt, aber weniger produziert wird. Dennoch: Da wir reich sind, können wir schon mal dem sozialen Gefühl den Vorrang geben, auch wenn’s unwirtschaftlich ist.

Bei den Leipziger Montags-Demonstrationen hieß es zunächst: „Wir sind das Volk“, Wochen drauf aber schon: „Wir sind ein Volk.“ Wie kam dieser Wandel zustande? Viele Leipziger habe ich gefragt, keiner konnte mir Aufklärung geben.

Günter Grass aber weiß es: Bald habe ein größerer Teil, „gewalttätig unduldsam wie gelernt, den kleineren Teil nicht mehr zu Wort kommen lassen“. „Unduldsam wie gelernt“ – das ist Schelte, nicht Argumentation. Von „Gewalt“ weiß außer Grass niemand. Bisher sprachen wir von friedlichen Demonstrationen. Daß Mehrheit, nicht Sachverstand, sich oft durchsetzt, ist ein unvermeidbarer Nachteil der Demokratie.

Wo hat Grass je als „Bahnhofsdurchsage“ gehört: „Der Zug ist abgefahren“?

Den Westdeutschen sei die DDR gerade noch ein „Schnäppchen“ gewesen, schleunigst zu verschlingen. In diesem Zusammenhang scheint mir das Wort eher liederlich; falsch obendrein. – Wären doch nur die westdeutschen Unternehmer so gierig gewesen wie Hausfrauen am Grabbelkasten! Zum Schrecken der Bonner und der DDR-Bürokratie wollte aber niemand ran an die angeblich so fette „Beute“ – sie wollen es bis heute nicht. Detlev Rohwedder (SPD, Chef der Treuhandanstalt und ein Großer unter den deutschen Managern) macht den „Interessenten“ Mut mit Verkaufs-Aktionen – zum Beispiel in Paris, aber mit geringem Erfolg. Jetzt kündigt er Werbe-Reisen zu Kapitalisten in Tokio an. Liest der große Schriftsteller Grass keine Zeitungen? Was drüben geboten wird, ist schlecht. Größte Atomkraftwerke sind keine Aktiva, sondern Abbruchkosten. Druckereien – die kenne ich – sind eine Generation zurück, also Schrottwert; achtzig Prozent des Hausbesitzes sind weniger wert als die Abbruchkosten; der landwirtschaftliche Boden ist durch Überdüngung ausgebeutet. Selbst da lassen sich schon mal Wagemutige heranreden – ein Wagnis bleibt es für sie allemal.

Grass: Seit der Währungsumstellung spreche man in beiden Deutschland nur noch vom Geld. In Wahrheit beklagen die Philosophen seit Jahrtausenden die auri sacra fames – den abscheulichen, unersättlichen Hunger nach Gold.