Von Rainer Wolfgramm

Daß irgendwann einmal eines der Polo-Ponies unter seinem Gewicht von 130 Kilogramm zusammenbrechen würde, war für viele der regelmäßigen Zuschauer in Sydney eine ausgemachte Sache. Doch an einem der Sonntage kollabierte nicht das Pferd, sondern der Reiter; Australiens reichster Mann, der 52jährige Kerry Packer, sackte nach einer Herzattacke in sich zusammen und fiel wie leblos aus dem Sattel. Noch 24 Stunden später war Packer ohne Bewußtsein. Doch nach zwei Tagen überraschte der Patient seine Mediziner bei der Visite damit, daß er in seiner Suite im privaten Sankt Vincent Hospital in Sydney schon wieder herumspazierte. Kurz danach begann er, von dort seine Geschäfte zu führen.

Die australischen Medien überschlugen sich förmlich in minutiöser Berichterstattung. Die Geschichte war so richtig nach dem Geschmack des Publikums, freuten sich die Redakteure: der harte Bursche, der dem Tod ein Schnippchen schlägt, nicht aufgibt und sich durchkämpft. Ein Happy-End ist dabei allerdings Bedingung – und da bleibt der australischen Presse, die traditionell und mit Hingabe Privat- und Geschäftsleben der Reichen und der Superreichen ihres Landes auswalzt, im Augenblick eigentlich nur besagter Kerry Packer. Denn Robert Holmes à Court, der ehedem reichste Mann des Landes, der mehrere hundert Millionen Dollar im Börsenkrach von 1987 verlor, baute zwar sein Firmenimperium wieder bis auf einen Wert von 800 Millionen australische Dollar auf, starb jedoch Anfang September nach einem Herzanfall während eines Wochenendurlaubs auf seinem Gestüt in der Nähe von Perth.

Dort in Westaustralien begann auch Alan Bonds Karriere. Er erfreut sich zwar physisch bester Gesundheit, ist aber dennoch für die australische Presse derzeit kein Thema. Noch im vergangenen Jahr schrieb indes allein die Tageszeitung Sydney Morning Herald 900 Geschichten über den Mann. Und daß sich Fernsehen und Radio innig des Selfmade-Mannes annahmen, war nicht verwunderlich – schließlich gehörten ihm vorübergehend einige der besten Sender. Auch in den USA, in Großbritannien und sogar in Chile sorgte Bond immer wieder für Schlagzeilen. Überall hatte er nämlich beträchtliche Geschäftsinteressen entwickelt. Bonds Lebenslauf ist gut für einen Roman: Er hatte als Schildermaler begonnen, heiratete dann im zarten Alter von siebzehn Jahren in eine betuchte Wollhändlersippe ein und begann mit Schwiegervaters finanzieller Hilfe seine Fäden im Immobiliengeschäft zu ziehen. Die erste Million sei durchaus nicht die schwerste gewesen, es habe nur am längsten gedauert, sie zusammenzubekommen, erzählte er später gern. Drei Jahre brauchte er dafür. Danach ging es schneller – zum einen explodierten bis Mitte der siebziger Jahre die Immobilienpreise, und zum anderen begann Bond mit der großen Nummer im Finanzzirkus, die Jahre später, auf der anderen Seite der Welt, so erfolgreich von Donald Trump kopiert wurde. Bond jonglierte mit Grundstücken, Feriensiedlungen, Einkaufs- und Handelszentren sowie Geschäftshäusern in derart atemberaubendem Tempo, daß den eigentlichen Finanziers der Veranstaltung, den Banken, schnell die Übersicht abhanden kam. 1974 sackten die Immobilienpreise plötzlich. Doch zu diesem Zeitpunkt stand Bond bei den Kreditinstituten bereits so hoch in der Kreide, daß denen nichts anderes übrigblieb, als vorerst stillzuhalten.

Bond lernte aus der Situation, und nachdem sich der Immobilienmarkt erholt hatte, begann er zu diversifizieren. Diamanten, Öl, Gold, Medien und vor allem Bier sollten, so schien es, das Imperium krisensicher machen. Die Banken honorierten das mit noch höheren Krediten. Und zwischenzeitlich avancierte Alan Bond zu „Bondy“, dem australischen Volkshelden. Im September 1983 holte er nämlich mit seiner Yacht Australia II die wichtigste Segeltrophäe der Welt, den America’s Cup. Der Imagegewinn für Bond war unermeßlich – und schlug sich auch finanziell nieder. Seine Kreditwürdigkeit schien plötzlich unbegrenzt, und als die Hongkong Bank 1986 ihre australische Niederlassung eröffnete, brachte sie als Morgengabe für Alan Bond zur Verteidigung des Cups eine Spende von einer Million australische Dollar mit. Für andere Bankiers war das ein bemerkenswertes Signal. Denn noch vier Jahre zuvor waren die Beziehungen zwischen Bond und der Hongkong Bank nicht gerade die besten gewesen. Doch die alten Geschichten waren vergessen, Bond wurde nun hemmungslos mit Krediten überschüttet.

Der nutzte die Gunst der Stunde, kaufte 1987 in großem Stil ein – für insgesamt über vier Milliarden Australien-Dollar. Zwar war der größte Einzelposten eine Brauerei in den USA, aber eigentlich hing Bonds Herz an drei anderen Transaktionen. Im Frühjahr 1987 kaufte er von Kerry Packer für genau eine Milliarde Dollar Channel Nine, das größte TV-Netz Australiens. Dem vom Börsenkrach im Oktober 1987 arg gebeutelten Robert Holmes à Court nahm er für knapp 300 Millionen einen Mehrheitsanteil an einer Firmengruppe namens Bell ab, und kurz zuvor hatte er den internationalen Kunstmarkt mit dem höchsten jemals für ein Kunstwerk gezahlten Preis erschreckt, als er für 54 Millionen US-Dollar das Schwertlilien-Gemälde von Vincent van Gogh er-„steigerte. Wie immer lief alles auf Pump, doch das ahnten nur wenige. Was aber alle damals auch nicht wußten, das war die Tatsache, daß er den Bogen überspannt, daß er bei seinem finanziellen Hochseilakt längst die Balance verloren hatte. Bei dem Versuch, die beiden Kontrahenten Packer und Holmes à Court von ihren Spitzenplätzen in der australischen Wirtschaftshierarchie zu verdrängen, riß er die ersten Löcher in das feingesponnene Netz seines Imperiums. Darüber gemunkelt wurde schon kurz nach dem Bilderkauf, sichtbar wurde die Sache erst ein Jahr später, als er sich mit einer knapp zwanzigprozentigen Beteiligung an dem britischen Konzern Lonrho verhob. Nach etlichen Streitereien vergaß die Lonrho-Leitung die ansonsten in der Londoner City übliche feine englische Art. Sie verschickte weltweit eine Expertise, die den Australier und sein Imperium als technisch bankrott bezeichnete. Bonds Ruf war ruiniert, die Gläubiger wollten Geld sehen, gaben sich nicht mehr mit immer neuen, immer wertloseren Anteilscheinen zufrieden.

Das Ende kam schnell, aber durchaus nicht schmerzlos. In Notverkäufen wurden große Teile des Bond-Konzerns verramscht, zum Teil weit unter dem Einstandspreis. Über fünf Milliarden australische Dollar kamen so zusammen. Doch das war nicht genug. Das Bond-Imperium beendete das vergangene, am 30. Juni abgelaufene Geschäftsjahr mit dem australischen Rekordverlust von 2,25 Milliarden Dollar. Bond selbst freilich ist durch den Zusammenbruch nicht arm geworden, er dürfte mit einem nicht antastbaren Privatvermögen, das auf zwischen hundert und zweihundert Millionen Dollar geschätzt wird, davongekommen sein. Den finanziellen Schaden haben zunächst Tausende von Anlegern in aller Welt, die sich bei ihm engagierten. Der Schaden trifft aber auch andere, ordentlich geführte, gesunde australische Unternehmen, die nun unter übermäßig gewachsenem Mißtrauen ihrer Kreditgeber leiden. Und: Schaden hat auch Australien insgesamt. Das Interesse ausländischer Investoren hat aufgrund der Bond-Krise seit 1988 stark nachgelassen, Wechselkursveränderungen und der schrumpfende Abstand zu den Zinssätzen in anderen Ländern haben diese Abstinenz noch verstärkt. Eine Ausnahme machen nur die Japaner, deren Großeinkäufe in der australischen Wirtschaft Beklemmung, in der Bevölkerung einen regelrechten Haß auslösen.