Wenzel Hablik: Immer taucht dieser Name mal wieder auf, wenn vom Gesamtkunstwerk, wenn von den sozialutopischen Ideen der zwanziger Jahre die Rede ist, wie sie zum Beispiel die Berliner Architektengruppe „Die gläserne Kette“ entwickelte. Wenzel Hablik: Nun endlich gibt es, dreißig Jahre nach der Ausstellung im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloß Gottorf, eine neue, größere Ausstellung am selben Ort. Die Ausstellung, die vorher im Palazzo Medici Ricardi in Florenz und in der Wiener Hochschule für angewandte Kunst zu sehen war, zeigt Arbeiten aus allen Bereichen, in denen Hablik gearbeitet hat: Bilder, Zeichnungen, Architekturentwürfe, Radierfolgen, Möbel, Wandteppiche, Lampen, Besteck und anderes Kunsthandwerk. Ist diese gesammelte Kunst das Gesamtkunstwerk?

Wenzel Hablik, 1881 im sudetenländischen Brüx (heute Most, Tschechoslowakei) geboren, wurde zunächst in der Werkstatt seines Vaters zum Tischlermeister ausgebildet, besuchte dann eine Fachschule für Tonindustrie, die Kunstgewerbeschule in Wien und schließlich die Akademie der Künste in Prag. Der Zufall verschlug ihn dann für den Rest des Lebens nach Norddeutschland.

Ferdinand Avenarius, der Herausgeber des Kunstwart, hatte ihn 1907 nach Sylt eingeladen. Die Erfahrung der norddeutschen Landschaft und des Meeres hatten Hablik so beeindruckt, daß er auf der Rückreise in Itzehoe hängenblieb, wo er in dem Holzhändler Richard Biel und dem Landwirt Otto Lindemann zwei Mäzene und in Lindemanns Tochter Elisabeth, einer ausgebildeten Webmeisterin, seine spätere Frau fand.

1912 stellte Herwarth Walden in seiner Berliner Galerie Der Sturm Habliks Radierzyklus „Schaffende Kräfte“ aus, eine symbolistisch expressive Bildgeschichte von der Erschaffung der Welt. 1919 trat Hablik dem Arbeitsrat für Kunst bei und wurde von Gropius, Taut und Behne, die zur Freundesgruppe imaginärer Architektur gehörten, zur Ausstellung „Die gläserne Kette“ eingeladen. Und dann?

Dann verliert sich seine Spur irgendwo zwischen Provinz und Utopia, Schmückedein-Heim und Vision. Als Maler versuchte er, den Atem der Natur einzufangen – und wurde doch kein Hodler oder Nolde. Als Designer schuf er Stühle und Schränke für seine Familie oder das Haus seines Mäzens – und wurde doch kein Otto Wagner oder Mackintosh (die keine Herzen in Stuhllehnen geschnitzt hätten).

Am schönsten und freiesten entfaltete sich Hablik wohl dort, wo weder er noch irgend jemand anders sich verwirklichen konnte: in seinen phantastischen Zeichnungen, in Entwürfen und Konzeptionen utopischer Himmelskörper, Architekturen und Luftkolonien. Es sind gezeichnete Fortsetzungen der großen utopischen Romane und friedliche (wenn auch kaum verlockend zu nennende) Vorläufer aller jener Kino-Plattitüden, die uns, von „Batman“ bis „Star Wars“, seit Jahren anöden.

In einer Tagebuchnotiz vom 29. 12. 1908 notiert Hablik im Zusammenhang mit einer Zeichnung „Der Bau der Luftkolonie“ folgendes: „Heute träumte ich einen Traum – der sich auf einen Zeitraum von 12 Jahren erstreckte. Ich lies eine fliegende Ansiedlung bauen! Ein Gerippe aus wunderbarem Stahl der durch ein eigentümliches Verfahren mit einer starken Silberschicht überzogen wurde – welches von selbst das Eisen ausschied. Diese Silberschicht hatte aber die Eigenschaft – nicht zu oxidieren u. nicht zu glänzen, sondern war mattschwarz. In dieses Gerippe das gegen die höchsten Hitzegrade die möglich waren zu erzeugen, vollständigg widerstandsfähig war, wurden Räume eingebaut für 50 Menschenpaare. Diese Räume waren vollkommen luftdicht abschließbar – und enthielten alles, was zum Leben für 400 Jahre notwendig war.“ Weder Hablik noch sonst einer der „gläsernen Architekten“ konnte die phantastischen, die human gedachten und doch auf höchster Ebene inhumanen Architekturen in die Realität umsetzen, nicht am Himmel und nicht auf Erden.

Wenzel Hablik tröstete sich mit dem Entwurf einer kugelförmigen „Saturndose“, fein gepunzt, geeignet zur Aufbewahrung von Keksen. In seinem Haus in Itzehoe, einer Gemeinschaftsarbeit von ihm und seiner Frau, hatte sie einen besonderen Platz neben dem Sofa im Eßzimmer. Als er starb, 1934, gab es Nachrufe in der Tagespresse auf den „Kunstgewerbler ... aus Itzehoe“. Aber so stimmt es auch nicht. Denn wenn Wenzel Hablik aus seinem Haus auch nie einen Merzbau gemacht hat, hätte machen können, so brachte er doch einen Hauch von Utopia (mit Webkante) nach Itzehoe. (Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloß Gottorf bis zum 11. November; Katalog 40,– DM) Petra Kipphoff