Zu einer für die gesamte deutsche Wirtschaft bedeutungsvollen Maßnahme, die in der Zeit harter Lohnkampfe und steigender Preise ein nicht zu unterschätzendes Gewicht bekommt, entschloß sich die Volkswagenwerk GmbH: In Übereinstimmung mit Betriebsrat und Gewerkschaften erhöht das Werk mit Wirkung vom 21. Oktober die Lohne für Zeitlohnempfanger um 10 Pfennig und ab 1. November die Lohne für Akkordarbeiter um 10 bis 15 Pfennig je Stunde. Zugleich aber wurde mit sofortiger Wirkung – unter Hinweis auf die stetige und positive Entwicklung und die große volkswirtschaftliche Bedeutung des Volkswagen-Absatzes – der Preis des Volkswagens heruntergesetzt. Das Standard-Modell, bisher 4800 DM, kostet jetzt nur noch 4400 DM. Und das Export-Modell, für das man früher 5450 DM anlegen mußte, ist jetzt schon für 5150 DM zu haben.

In letzter Zeit ist sehr oft die Frage gestellt worden, inwieweit die erheblich gestiegenen Rohstoffkosten mit Preiserhöhungen für die westdeutschen Automobilfabriken verbunden sein wurden. Dann aber wurde im Rahmen einer Vorstandssitzung des Verbandes der deutschen Automobilindustrie – unter Teilnahme von Prof. Erhard – mitgeteilt, daß die deutschen Fabriken von Preiserhöhungen für Kraftfahrzeuge absehen wollen. Man gab dabei der Hoffnung Ausdruck, daß die Preissteigerungen der Rohstoffe zu einem maßgebenden Teil infolge der scharfen Konkurrenz der Zulieferindustrie aufgefangen werden können. Mit der Preissenkung des Volkswagenwerkes wird für diese Überlegungen eine völlig neue Situation geschaffen, denn Generaldirektor Dr.-Ing. e. h. Heinz Nordhoff erklarte am 14. Oktober vor der deutschen und ausländischen Presse, daß seine neuen Preise zugleich eine Materialkostenerhohung von etwa 160 DM zugunsten des Kaufers absorbieren.

Nach den in Kraft tretenden Lohnerhöhungen gehört die 14 000 Mann starke Belegschaft der Volkswagenwerk GmbH mit zu den bestbezahlten Arbeitern des Bundesgebietes. Interessant ist ein Blick in die Lohnstatistik; da kann man feststellen, daß seit dem 1. Oktober 1948 im Volkswagenwerk die Steigerung des Stundenlohns im Durchschnitt 35 v. H. betrug. Das Monatseinkommen der Stundenlohnempfanger stieg durchschnittlich um 47 v. H. Die Lohnsumme verzeichnet einen Anstieg um 166 v. H., die Gehaltssumme stieg um 68 v. H. Allein im September zahlte das Werk an Löhnen und Gehältern 5 Millionen DM aus; und in den ersten neun Monaten von 1950 wurden täglich 10 000 DM für freiwillige soziale Leistungen aufgewendet, worin die Aufwendungen für die Lebens- und Altersversicherungen der Belegschaft von insgesamt mehr als einer Million DM nicht enthalten sind.

Dr. Nordhoff gab im Rahmen des Presseempfanges, gesehen durch die „Automobilbrille“ des Volkswagenwerkes“, auch einen Überblick über die heutige Situation der deutschen Automobilindustrie. Sehr klar stellte er in den Vordergrund, daß der große Interessenkreis des Kleinwagens als Minimum 4 Platze wünscht und daß es mußig sei, in diesem Zusammenhang die Statistik heranzuziehen, die bei Verkehrszahlungen eine Durchschnittsbesetzung mit nur 1,2 Personen ermittelt. Interessant war die Feststellung, daß die VW-Kaufer zu 70 v. H. die teurere Luxusausführung vorziehen. Mit aller Scharfe wandte er sich gegen die Spekulationskäufe in Rohmaterialien, die die Preise hystersich in die Hohe trieben. Er nannte die großen Rohmaterialverkaufe, die in diesem Zusammenhang ins Ausland gingen, einen Substanzverlust, der für die dünne deutsche Matertaldecke nicht wieder einzuholen sein wird.

Mit besonderer Liebe pflegt das Werk den Export. Vor einem Jahr gingen ganze 100 Volkswagen je Monat ins Ausland. Heute ist es mehr als ein Drittel der Produktion, etwa 125 Wagen je Tag! Im Export steht der VW in nachstehenden Ländern an der Spitze aller deutschen Wagen: Ägypten, Argentinien, Belgien, Brasilien, Danemark, Finnland, Holland, Irland, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, die Schweiz, Uruguay und sogar die USA. In der Schweiz, in Schweden und Luxemburg aber steht der VW an der Spitze aller eingeführten Kraftfahrzeuge überhaupt. Auf diese Entwicklung, die beispiellos ist, kann das Wolfsburger Werk mit seinen leitenden Männern und der gesamten Belegschaft sehr stolz sein, (gekurzt) Willy Wenzke