Von Manuela Reichart

Rund tausend Seiten über Leben und Werk der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath: Gleich zwei Biographien liegen vor. Die eine ist fast doppelt so umfangreich wie die andere, denn die eine durfte mehr zitieren als die andere. Beide Bücher stammen von Amerikanerinnen, Anne Stevenson lebt jedoch schon lange in England, sie verließ „Amerika im gleichen Jahr wie Sylvia Plath“. Beide Bücher heißen nach ihrer Zentralfigur einfach „Sylvia Plath“, beide geben sich schlicht als „Eine Biographie“ aus, und beide zitieren auf den Schutzumschlägen Sätze von Joyce Carol Oates – allerdings jeweils andere. Damit sind alle Gemeinsamkeiten schon aufgezählt. Denn Anne Stevenson beschreibt Leben und Werk aus und mit Hilfe der Sicht des Ehemannes, des Lyrikers Ted Hughes, seiner Familie, seiner Freunde und legt damit – wie der Verlag wirbt – „die einzige von der Familie und den Erben unterstützte und autorisierte Lebensdarstellung“ vor. Linda Wagner-Martin dagegen ist geprägt von feministischer Parteinahme, sie interessiert sich in erster Linie für die Beweggründe und Emotionen der Dichterin. Sie geriet durch diese Sicht in Streit mit den Erben, die, nachdem die Autorin sich weigerte, Änderungen vorzunehmen, Zitatrechte verwehrten. Hier wirbt der Verlag damit, daß es sich um die „erste reguläre Biographie“ handele.

Autorisiert oder regulär (was immer damit gemeint ist): Nachdem man mühsam einerseits den Einschätzungen, Interpretationen, andererseits den Anekdoten, Berichten und Details aus dem Leben der Dichterin gefolgt ist, stehen am Ende der Lektüre Einwände und Unbehagen. Welche Einsichten in das Werk, welche neue Beurteilung eines künstlerischen Lebens haben wir dazugewonnen?

Sylvia Plath: amerikanische Dichterin, 1932 in Massachusetts geboren, 1962 in London durch Selbstmord geendet; verheiratet mit dem englischen Dichter Ted Hughes; zwei Kinder, die zum Zeitpunkt ihres Todes ein Jahr und drei Jahre alt sind. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie viele Gedichte in Zeitschriften, sie gewann Preise, Stipendien; ein Band mit gesammelten Gedichten erschien 1960. Ihr Ruhm in Amerika, England und bei uns entsteht jedoch erst nach ihrem Tod: In den sechziger Jahren durch ihren Roman „Die Glasglocke“, durch den Gedichtband „Ariel“ und nicht zuletzt durch die „Briefe nach Hause“, die Mitte der siebziger Jahre von der Mutter Aurelia Schober Plath herausgegeben werden und die ein besonders optimistisches und leistungsorientiertes amerikanisches Durchschnitts-Mädchen vorführen. Für ihre „Collected Poems“ erhält Sylvia Plath zwanzig Jahre nach ihrem Tod den Pulitzerpreis für Lyrik.

Das Interesse an der Dichterin resultiert bis heute nicht zuletzt aus der Differenz der verschiedenen Gesichter: der furiosen, haßerfüllten Kraft der letzten Gedichte, dem naiv-heiteren Gemüt der Briefe und dem selbstquälerischen, verzweifelten Ton der (auf deutsch immer noch nicht erschienenen) Tagebücher.

Leben und Werk der Sylvia Plath, ihr Talent und ihr Scheitern bieten Stoff für Exempel und Mythos: der Zusammenbruch der extrem ehrgeizigen Studentin, der erste Selbstmordversuch; die sich aufopfernde Mutter, der früh verstorbene Vater; die Orientierung an amerikanischen Leitbildern vollendeter Weiblichkeit; der Anspruch, allen Rollen gerecht zu werden: die perfekte Ehefrau, Hausfrau, Köchin, Mutter – und Dichterin zu sein; die Konkurrenz mit dem begabten, weniger vom Erfolg abhängigen Ehemann; ein Ideal absoluter Liebe; Eifersucht, Betrug des Mannes; die schwache gesundheitliche Konstitution, Depressionen, Selbstmord.

Linda Wagner-Martin beschäftigt sich ausführlich mit dem Elternhaus, mit der Kindheit. Wir erfahren, daß die kleine Sylvia die Pfeife des Großvaters in einem Gummibaum versteckt und ihn dann Pfeifenbaum nennt und (in einer Anekdote, die Stevenson anzweifelt) wie Baby Sylvia mutig auf die Wellen zukrabbelt. Die Plath-Kennerin zieht aus solchen Geschichten den Schluß: „Sie war bereits die neugierige, wagemutige Sylvia, die sie auch im späteren Leben sein würde.“