Manfred atmet so tief, als hätte er ein Leben lang zuwenig Luft bekommen. Eigentlich war es ja auch kein Leben, diese 28 Jahre, die er da hinter sich gebracht hat. Es gab Zeiten, in denen er sich morgens eine Überdosis gespritzt hat, so selbstverständlich, wie andere ihren Kaffee trinken. Und wenn er dann irgendwann wieder aufgewacht ist, hat er sich bloß gewundert, daß er noch lebt. Fünfzehn Jahre war Manfred drogensüchtig, und zum Schluß war es ihm nicht mehr wichtig, noch mal aufzuwachen.

Jetzt, sagt er, wolle er endlich anfangen mit dem Leben. Jetzt, wo er clean ist, nachdem er achtzehn Monate Therapie hinter sich hat "Es ist mein Ziel, den Kampf draußen ohne Droge zu gewinnen Aber gerade auf der Schwelle ins Leben, hat noch einmal die Vergangenheit nach ihm gegriffen: Manfreds Kampf gegen die Droge fängt im Gefängnis an.

Der Fall Manfred B beginnt vor fünfzehn Jahren, als sich ein zwölfjähriger Junge die Haare lang wachsen läßt und in der Drogenszene einer kleinen Stadt seine neue Familie sieht. Manfred bekommt zu Hause nicht mehr, als er zum Überleben braucht: Er hat sein Bett, er hat seine Kleidung. In der Szene bekommt er Anerkennung. Anerkennung, weil er mit dem Stoff umgehen kann. Als Manfred seine Lehre als Maschinenbauer beginnt, weiß er genau, wie viele Amphetamine er schlucken muß, um den Tag zu überstehen. Und er kennt die exakte Tablettendosis, die ihn eine Nacht lang schlafen läßt. Er raucht Haschisch, nimmt LSD und Kokain. Als er achtzehn ist, spritzt er sich zum ersten Mal Heroin. Das Geld reicht nicht mehr. Manfred fälscht die Unterschrift seiner Mutter und überweist 3000 Mark auf sein eigenes Konto. Er klaut Lederjacken, Kameras und Turnschuhe. 1983 wird er mit fünf Gramm Heroin aufgegriffen und für dreieinhalb Jahre in das Bezirkskrankenhaus Parsberg eingewiesen, in die geschlossene Abteilung für drogenabhängige Straftäter. Der Entzug kostet ihm beinahe das Leben.

Tee und Kaffee sind auf den Stationen verboten. Aber Manfreds Freunde schmuggeln härtere Drogen während der Besuchszeiten ein. Beim Hofgang wirft ihm ein Patient zwei Beutel schwarzen Tee zu. Die Pfleger werden aufmerksam und wollen Manfred durchsuchen. Als er die Körpervisitation verweigert, prügelt ihn ein Pfleger mit einem Gummischlauch. Manfred erstattet Anzeige wegen Körperverletzung im Dienst. Es kommt nie zur Verhandlung. Er aber wird vom Neumarkter Amtsgericht wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu fünf Monaten auf Bewährung verurteilt. Er flüchtet. Sechs Monate treibt er sich in den Drogenszenen von Nürnberg und Frankfurt herum. Dann stellt er sich freiwillig. Wegen Nichtbeachtung der Anweisung eines Beamten wird er erneut verurteilt: zwei Monate auf Bewährung. Manfred sagt: "Die Therapie in Parsberg hat mir nicht geholfen Er wird noch am Tag seiner Entlassung rückfällig.

Zwei Jahre lang, von 1987 bis 1989, lebt Manfred in Nürnberg. Er klaut, er dealt. Als ihn seine Freundin verläßt, verläßt ihn auch der Lebenswille. Er spritzt sich ständig Überdosen, verliert für Stunden das Bewußtsein. Manfred sagt: "Ich bin völlig abgestürzt. Ich hatte nicht einmal mehr Angst vorm Tod "

Es ist so ein ganz normaler Tag. Ein Tag, irgendwann Ende Januar, an dem es morgens um sieben noch stockdunkel ist. Manfred weiß, daß er sterben wird. Als er aus der Dusche steigt, sieht er im Spiegel seinen Körper. Blaß und ausgemergelt. Dunkle Beulen wachsen wie Geschwüre aus seinen Armen. An diesem Morgen sagt er sich: "Entweder du stirbst, oder du gibst dir noch eine, eine letzte Chance "

Am 12. März 1989 fährt Manfred mit dem Bus in die Uni Klinik Erlangen zur Entgiftung. Kurz vorher hat er sich zum letzten Mal Heroin gespritzt. Um Formulare ausfüllen zu können, um überhaupt zu funktionieren. Die Schmerzen beginnen Stunden später. Manfred hat epileptische Anfälle und Halluzinationen: Er unterhält sich mit ehemaligen Freunden, obwohl niemand im Raum ist. Dann bettelt er die Wände um Stoff an. Er glaubt sich die Beine abhacken zu müssen und kriecht im Krampf über den Boden. Am 21. März 1989 ist der körperliche Entzug beendet. Jetzt beginnt der Kampf gegen die Sucht der Seele. "Ich bin ein süchtiger Mensch. Was ich mach, das mach ich süchtig", sagt Manfred. Die Therapie der Con Drobs Drogeninitiative dauert achtzehn Monate. Das erste Jahr verbringt Manfred auf Schloß Pichl im Langzeittherapiezentrum in d;r Nähe von Augsburg. Es war nicht nur die Sicht nach Drogen, die ihn mehrmals fast aufgeb:n ließ, es waren die Schmerzen. Die schrecklichen Erkenntnisse: So bist du. Und das fordernde Wissen: Du kannst dich ändern.