Kiew, im Oktober

Nach dem Mittagessen in der Kantine von Radio Kiew klingelte das Telefon. Die männliche Stimme sprach mich auf eine meiner Sendungen an und bat mich um einen Gesprächstermin. Sie klang vertraulich, aber ein gewisser Unterton war nicht zu überhören. Kommandosprache.

Später im Auto. „Sie staunen offensichtlich, daß wir Sie so lange haben warten lassen“, lächelte der Fremde. „Zeigen Sie mir trotzdem Ihren Dienstausweis“, bat ich. Er zog ihn tatsächlich: „Jewgenij Pawlowsky. Komitee für Staatssicherheit.“

„Also dann, Major Pawlowsky, was wollen Sie von mir?“ Er antwortete: „Sie waren lange in der Bundesrepublik. Sie haben sicher viel zu erzählen.“

„Sie glauben, daß ich nach der dreimonatigen Hospitanz bei der ZEIT vom Kapitalismus infiziert bin?“ erschrak ich. „Das nicht“, beruhigte er mich, „aber uns würde interessieren, wie sich der ideologische Gegner Ihnen gegenüber verhalten hat.“

„Wer?“ Mir war nicht klar, was er meinte.

„Die ZEIT-Mitarbeiter“, ergänzte Major Pawlowsky und machte es sich bequem. Dann schaute er mir direkt in die Augen: „Geben Sie doch zu, Sie selbst waren darauf gespannt, wann wir kämen.“