Wer nicht wagt, gewinnt – Seite 1

An den Finanzmärkten ist der Teufel los. Die Börsenkurse fallen wie noch nie, der Dollar findet keinen Halt, und alle Hoffnungen auf sinkende Zinsen haben sich zerschlagen. Besonders hart trifft es die Besitzer von Aktien. Die hohen Kursgewinne, über die sie sich in den ersten Monaten des Jahres so freuten, zerrinnen ihnen wie Sand zwischen den Fingern. Mehr als dreißig Prozent büßten deutsche Aktien an Wert zwischen Mitte Juli und Ende September ein. Mit den aufgelaufenen Verlusten hätte Bonn locker die Kosten für die deutsche Einheit decken können und noch viele Milliarden Mark übrigbehalten.

Eigentlich hätte der Kursrutsch niemanden überraschen dürfen. Die internationalen Börsen sind schon seit Jahren reif für eine gründliche Korrektur. Zwischen 1982 und 1987 sind die Kurse derart rapide nach oben geschnellt, daß ein ähnlich massiver Rückschlag früher oder später unausweichlich schien. Bereits vor drei Jahren, als der erste große Nachkriegs-Crash die Welt in Atem hielt, setzten die Märkte zu einer solchen Korrektur an, doch damals konnte der Sturz noch aufgefangen werden. Und schon bald wurden von einigen Börsen wieder neue historische Höchststände gemeldet.

Das in den achtziger Jahren erreichte Kursniveau am Aktienmarkt steht in keinem Verhältnis zu den Erträgen, die Aktien in Form von Dividenden bringen. Selbst nach den jüngsten Kursverlusten liegt die Dividendenrendite im Durchschnitt noch unter 2,5 Prozent (ohne Steuergutschrift). Interessant ist der Kauf von Aktien deshalb nur für den, der den baldigen Wiederverkauf zu noch höheren Kursen

im Auge hat. Das freilich führt zu einer unerbittlichen Jagd nach Kursgewinnen. Und sie funktioniert nur, wenn immer wieder neues Geld an die Börse kommt, mit dem die immer höheren Kurse bezahlt werden. Sowie dieses Geld ausbleibt, droht alles zusammenzubrechen. Und wer seine Aktien nicht rechtzeitig verkaufen kann, den beißen die Hunde.

Mit beachtlicher Erfindungsgabe konstruieren die Finänzunternehmen ständig neue Instrumente, mit denen frisches Geld an die Börse gelockt wird. Dazu zählen zum Beispiel die diversen Spielarten von Optionsscheinen oder die Indexkontrakte an der Terminbörse. Einen besonderen Leckerbissen für risikofreudige Zocker hat sich auch die Dresdner Bank einfallen lassen: Sie schließt mit interessierten Kunden Wetten auf die künftige Tendenz am Aktienmarkt ab.

Die allgemeine wirtschaftliche Lage oder die Erträge der Unternehmen haben dabei immer mehr an Bedeutung verloren. Das zeigt sich auch an der Art der Börsenprognosen, die für Anleger oft die einzigen Hinweise auf die künftige Entwicklung sind. Statt auf der Grundlage einer volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse wird die Zukunft der Aktienkurse aus sogenannten Charts gelesen. Diese Charts sind einfache Kurvendiagramme, die den bisherigen Kursverlauf einer Aktie wiedergeben. Ganz seriöse Banken empfehlen so den Kauf bestimmter Aktien, weil deren Kurs-Kurve die Form einer Untertasse aufweisen. Obwohl jeder der drei zurückliegenden Kurseinbrüche diese Methode ad absurdum geführt hat, suchen manche Anlageberater die Charts nach Linien und Schnittpunkten ab, von denen sie sich Hinweise auf die Dauer der Baisse erhoffen.

Die gleichen Börsenprofis, für die der steile Kursanstieg in den achtziger Jahren das Selbstverständlichste der Welt war, sprechen angesichts der Verluste in den vergangenen drei Monaten von einer "unverständlichen Übertreibung nach unten". Sie sagen eine "baldige Normalisierung" voraus, was wohl höhere Kurse bedeuten soll. Auch private Aktienbesitzer verhalten sich bisher erstaunlich ruhig. Viele glauben offenbar, bei den gegenwärtigen Kurseinbrüchen handele es sich – wie bei den beiden Oktoberkrächen 1987 und 1989 – lediglich um ein vorübergehendes Intermezzo. Manche nutzen die gefallenen Kurse sogar zum Kauf neuer Papiere, damit sie dabei sind, wenn es demnächst wieder nach oben geht. Sie setzen darauf, daß die Kurse spätestens dann kräftig steigen, wenn sich die Lage im Nahen Osten entspannt und die Rohölpreise wieder sinken.

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Diese Spekulation ist gewagt. Nicht, weil eine Entspannung am Golf unwahrscheinlich wäre, sondern weil die Turbulenzen an den Finanzmärkten nicht nur eine Folge der Golfkrise sind. Der Kursverfall an den Aktienbörsen setzte schon lange vor dem Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait ein. Und mindestens drei triftige Gründe sprechen dagegen, daß sich die Aktienkurse in absehbarer Zeit erholen – selbst wenn Saddam Hussein sich mit dem Rest der Welt gütlich einigen sollte.

  • Erstens: Die lahmende Konjunktur in den Industrieländern. Warum sollten Anleger Höchstpreise für Anteilscheine an Unternehmen zahlen, deren Wachstumsraten dahinschmelzen? Die Vereinigten Staaten und Großbritannien stehen vor einer Rezession. Und auch in der angeblich blühenden Wirtschaft Westdeutschlands bröckeln die Ergebnisse. Schon im Frühsommer verunsicherte der Chemieriese Hoechst seine Aktionäre mit der Nachricht, daß das Wachstum des Vorjahres vermutlich nicht gehalten werden könne. Auch für die Automobilbranche wird mit weniger stark steigenden Gewinnen gerechnet. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Anlageberatung, eine Tochter der Deutschen Bank, rechnet für 1991 mit einem Abflauen des Wachstums und mit einem Rückgang des Gewinnanstiegs von 5 auf 3,5 Prozent.
  • Zweitens: Es fehlt am nötigen Geld, um einen nachhaltigen Aufschwung an den Börsen zu finanzieren. In den achtziger Jahren profitierten die Aktienbörsen von reichlich vorhandenen flüssigen Mitteln. Vor allem in Europa und Japan war mehr Geld da, als in diesen Regionen benötigt wurde. Und da Anleihen nur Magerzinsen boten, floß das Geld an die internationalen Aktienbörsen. Doch inzwischen hat sich das Bild gründlich gewandelt. An die Stelle des Geldüberflusses ist harter Wettbewerb um Liquidität getreten. Die Japaner brauchen ihre Mittel zunehmend selbst, um den Zusammenbruch heimischer Märkte zu verhindern (siehe Seite 36). Und das Vermögen europäischer Investoren wandert in die hochverzinslichen Anleihen der eigenen Staaten und in den wirtschaftlichen Wiederaufbau Osteuropas. Allein in Europa, so haben Experten der amerikanischen Bank Morgan Stanley errechnet, wird bald mehr Kapital benötigt werden, als die Europäer selbst aufbringen können. Doch wo soll das Geld herkommen? Verschärfen wird sich der Liquiditätsmangel noch durch sinkende Sparquoten. Wegen höherer Verbraucherpreise werden die privaten Haushalte künftig weniger als bisher auf die hohe Kante legen können.

Um die Börse wieder auf Hausse-Kurs zu bringen, wäre ein Liquiditätsschub nötig. Schon nach dem Börsencrash von 1987 erzwangen die Notenbanken das Ende der Baisse, indem sie kurzerhand die zuvor beschlossenen Zinserhöhungen zurücknahmen und damit die Kredite verbilligten. Doch diesmal wird es kein "Dope" von den Notenbanken geben. Aus Angst vor einer hochschnellenden Inflationsrate werden sie die Zinsen oben lassen oder gar weiter anheben, wenigstens in Europa.

  • Der dritte Grund für eine eher düstere Börsenprognose ist vielleicht der entscheidende: die psychologischen Folgen der Börsenkrise. Wenn die Kurse wieder steigen sollen, müssen sich auch private Anleger am Börsenhandel beteiligen. Doch wer wagt nach dem dritten Kursrutsch in vier Jahren noch den Kauf von Aktien? Sehr angesehen waren diese Papiere beim traditionell risikoscheuen Sparer sowieso nicht. Jetzt ist ihr Image möglicherweise vollends ruiniert.

Banken und Finanzberater werden es schwerer haben denn je, ihre private Kundschaft für den Kauf von Aktien zu gewinnen. Warum auch sollte ein Anleger sein oft mühsam erspartes Geld den Risiken der Aktienbörse aussetzen, wenn er am gleichen Bankschalter sichere Staatsanleihen mit einer Rendite von mehr als neun Prozent kaufen kann? Ein so hoher Jahresgewinn ließ sich in der Vergangenheit auch mit Aktien nur in Ausnahmezeiten erzielen.

Dennoch haben noch viele kleine und große Anleger Aktien in ihren Depots liegen und hoffen auf die große Wende. Doch wenn die Masse dieser Aktionäre erst einmal merkt, daß der erhoffte Aufschwung auch nach Beilegung der Golfkrise ausbleibt, kann es leicht zur Panik kommen. Möglicherweise geht dann die Baisse erst richtig los.