Wer spricht in mir, wenn ich spreche?

Von Volker Hage

Dante, "Göttliche Komödie", X. Gesang: Im sechsten Kreis der Hölle, wo die Ketzer und die materialistischen Philosophen büßen, erträgt einer geduldig die Feuerfolter und prophezeit dem Dichter, der zu Besuch in der Unterwelt weilt, die Verbannung – und sich selbst, daß er die Gabe des zweiten Gesichts verlieren werde, wenn der Jüngste Tag kommt, "wenn sich die Tore der Zukunft schließen".

Octavio Paz beschreibt in seinem zuletzt auf deutsch erschienenen Buch "Die andere Zeit der Dichtung", daß ihn dieses Bild Dantes nie wieder losgelassen hat. Das Thema des Todes Gottes sei ein Gemeinplatz geworden, schreibt er, "selbst die Theologen sprechen offen über diesen Topos" – doch der Gedanke, daß die Tore der Zukunft eines Tages geschlossen werden sollten: "Dieser Gedanke macht mich abwechselnd schaudern und lachen."

Ein Leben ohne Utopie? "Wir begreifen die Zeit als einen kontinuierlichen Verlauf", heißt es bei Paz, "als ständige Bewegung auf die Zukunft zu; wird die Zukunft verschlossen, kommt die Zeit zum Stillstand. Ein unerträglicher und unannehmbarer Gedanke, denn er ist in doppelter Weise abscheulich: er beleidigt unser moralisches Empfinden, indem er sich über unsere Hoffnungen auf die Perfektibilität des Menschengeschlechts lustig macht, und er beleidigt unsere Vernunft, indem er unsere Anschauungen bezüglich der Evolution und des Fortschritts negiert." Doch läßt Paz in seinen Vorlesungen, die er 1972 in Harvard hielt, keinen Zweifel daran, daß er in Politik und Kultur mit dem Ende der Moderne, dem "Tod der Zukunft" rechnet. "Heute, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gibt es Anzeichen für einen Wandel in unserem System von Anschauungen. Die Konzeption der Geschichte als fortschreitende lineare Entwicklung hat sich als nicht haltbar erwiesen. Dieser Glaube entstand in der Neuzeit, und in gewisser Weise war er ihre Rechtfertigung, ihre raison d’être. Sein Bankrott offenbart einen Bruch im zeitgenössischen Bewußtsein selbst: die Moderne beginnt den Glauben an sich selbst zu verlieren."

Als der große mexikanische Lyriker vor wenigen Tagen, im Alter von 76 Jahren, den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam, meldete sich auch ein deutscher Dichter zu Wort. Stephan Hermlin, ein Jahr jünger als Paz und bis zuletzt ein Freund und Getreuer des SED-Staates, glaubte erklären zu müssen, vom literarischen Standpunkt aus sei er mit der Entscheidung des Stockholmer Komitees einverstanden – trotz gewisser "rechter Ideen" des Kollegen.

Ist Octavio Paz ein Rechter, ein Reaktionär? Er hat sich derlei oft anhören müssen, nicht erst jetzt, nicht erst seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten. Er hat sich nie vereinnahmen lassen, und jene, die hofften, daß er ihrer Sache dienen würde, mußten entdecken, daß er lieber der Wahrheit als einer Sache dient. So ist sein Leben von Brüchen und Eigenbewegungen geprägt.

Geboren wurde er am 31. März 1914 in Mexiko-City. Sein Vater, Jurist und Journalist, zählte zum Kreis des Revolutionärs Emilio Zapata. Das Studium brach Octavio Paz bald wieder ab, er zog nach Yukatan und half mit, eine Schule für die Armen zu gründen. Im selben Jahr, 1937, wurde er, der schon mit vierzehn seine ersten Gedichte veröffentlicht hatte, in das vom Bürgerkrieg zerrissene Spanien geladen, zum "Zweiten internationalen Kongreß antifaschistischer Schriftsteller". Paz blieb nicht unbeeindruckt, doch schon drei Jahre später, nach dem Hitler-Stalin-Pakt, brach er mit den Kommunisten und verlor so eine Anzahl wichtiger Freunde und Kollegen; Pablo Neruda, der ihn, den jungen Dichter, in Spanien begrüßt hatte, sah er niemals wieder.

Wer spricht in mir, wenn ich spreche?

"Ich teilte mit ihnen Hoffnungen und Enttäuschungen, Überzeugungen und Illusionen", sagte Paz im Sommer 1987 in Valencia, zur Eröffnung eines Spanischen Schriftstellerkongresses unter dem Motto "Fünfzig Jahre danach". "Uns einte das Gefühl, an der Seite der Unterdrückten für eine gerechte Sache zu kämpfen." Doch sein Fazit: "Die revolutionäre Idee wurde von tödlichen Schlägen getroffen; die härtesten und verheerendsten waren nicht die ihrer Gegner, sondern die Wunden, die ihr die Revolutionäre selbst geschlagen haben: überall, wo sie die Macht eroberten, haben sie die Völker geknebelt."

Das wird selbst heute nicht immer gern gehört Als Octavio Paz, Herausgeber der einflußreichen Kulturzeitschrift Vuelta, im September dieses Jahres seinerseits zu einem Kongreß nach Mexiko einlud, der das Ende des Kommunismus zum Thema hatte, wurde dem Gastgeber Kumpanei mit der seit Jahrzehnten regierenden Partei vorgeworfen. Nun hat Paz zwar tatsächlich viele Jahre in diplomatischen Diensten seines Landes gestanden, zuletzt war er Botschafter in Paris und Neu-Delhi, doch als kurz vor den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko die Polizei Hunderte von demonstrierenden Studenten zusammenschoß, quittierte der Diplomat aus Protest unverzüglich den Dienst; er kehrte erst drei Jahre später in seine Heimat zurück. Seither lebt er im Zentrum von Mexiko-City.

Im ersten Band der "Essays" ist jenes fundamentale Bekenntnis von Paz formuliert, das Botho Strauß einmal an zentraler Stelle seines Prosabands "Paare, Passanten" (etwas verkürzt) zitiert hat: "Der Schriftsteller spricht nicht vom Nationalpalast, vom Volksgerichtshof oder von den Büros des Zentralkomitees aus: er spricht von seinem Zimmer aus. Er spricht nicht im Namen der Nation, der Arbeiterklasse, der Grundbesitzer, der ethnischen Minderheiten, der Parteien." Und dann die entscheidende Wendung: "Er spricht nicht einmal im Namen seiner selbst: das erste, was ein wahrhafter Schriftsteller tut, ist, an seiner eigenen Existenz zweifeln. Literatur beginnt, wenn einer sich fragt: wer spricht in mir, wenn ich spreche?" Die Stimme des Schriftstellers, heißt es weiter bei Paz, habe ihren Ursprung in einer "Nichtübereinstimmung mit der Welt oder mit sich selbst", sie sei Ausdruck des Schwindelgefühls "angesichts der sich auflösenden Identität". Die paradoxale Folge: "Das Wort des Schriftstellers ist mächtig, weil es einer Position der Nicht-Macht entspringt."

Octavio Paz ist einer der großen Lyriker der Gegenwart, doch noch faszinierender als seine Gedichte ist der Kosmos der Aufsätze, Reden und Vorlesungen. Er hat bisher 21 Lyrik- und 23 Essaybände veröffentlicht, ein Theaterstück geschrieben – keine Erzählungen, keinen Roman. Ein beachtlicher Teil seines Werks liegt in deutscher Übersetzung vor, zum Teil in Auswahlbänden. "Die andere Zeit der Dichtung", ein Versuch über Romantik und Avantgarde, ist immerhin schon der achte Essayband in deutscher Sprache. Es gibt zwei große Sammlungen der Gedichte ("Gedichte" und "Suche nach einer Mitte"), die dritte wird in diesen Wochen unter dem Titel "In mir der Baum" erscheinen. Für das folgende Frühjahr ist die deutsche Übersetzung der theoretischen Hauptschrift angekündigt: ein Werk von 700 Seiten über die mexikanische Mystikerin und Barockdichterin Sor Juana Ines de la Cruz.

"Wenn sich die Tore der Zukunft schließen": In seinen Harvard-Vorlesungen beschäftigte Paz sich mit den aktuellen Veränderungen und ihren Einflüssen auf die Literatur. Wie die Dichtung am Ende des 20. Jahrhunderts aussehen könnte, darüber läßt sich kaum diskutieren ohne seine Überlegungen, die immer wieder durch pointierende Zuspitzung bestechen (unter der bisweilen, das sei nicht verschwiegen, die Stringenz ein wenig leidet).

Sehr hellsichtig beschreibt er einen Grundwiderspruch der Literatur innerhalb der Moderne. "Die Moderne hat sich mit dem Wandel identifiziert, hat den Wandel mit Kritik und beide mit dem Fortschritt identifiziert. Die moderne Kunst ist modern, weil sie kritisch ist. Ihre Kritik hat sich in zwei entgegengesetzte Richtungen entfaltet: sie war eine Negation der linearen Zeit der Neuzeit und eine Negation ihrer selbst."

Die Zuspitzung dieser Entwicklung, die Paz von der Romantik (besonders der deutschen und englischen) herleitet, sieht er in der künstlerischen Avantgarde, die die Moderne ablöst und beendet: "Die Avantgarde ist der große Bruch, und mit ihr endet die Tradition des Bruchs." Die Idee des Wandels sei die Grundlage der modernen Kunst gewesen. Und nicht ohne Spott resümiert Paz die Kunstbemühungen der letzten hundert Jahre: "Die Nachahmung der Modernen hat mehr Talente steril gemacht als die Nachahmung der Alten." Zur Beschleunigung sei die Vermehrung hinzugekommen – "nicht nur, daß die Avantgarden, kaum sind sie entstanden, verschwinden, sie breiten sich auch aus wie schwammige Wucherungen. Die Vielfältigkeit mündet in Einförmigkeit. Zerfall der Avantgarde in Hunderte einander gleicher Bewegungen: im Ameisenhaufen verschwinden die Unterschiede."

Wer spricht in mir, wenn ich spreche?

Was aber dann? "Was in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts in Frage gestellt wird, ist nicht der Begriff der Kunst, sondern der Begriff der Moderne", schreibt Paz schon im Vorwort. Der Titel "Die andere Zeit der Dichtung" soll nicht bedeuten, daß eine neue Zeit für die Dichtung anbrechen werde, sondern daß wahre Dichtung stets etwas der Zeit und ihrer Bewegung Entgegengesetztes sei. "Beständigkeit": Vielleicht ist es gar nicht so interessant, suggeriert Paz, nach dem Fortschritt etwa in Prousts Literatur zu suchen, sondern zu entdecken, was Prousts Werk mit dem Homers gemeinsam hat.

Bei der Bestimmung dessen, was kommen könnte, was die Moderne ablöst, bleibt auch Paz vage. "Die Gefahren der Ästhetik des Wandels sind auch ihre Vorzüge: wenn alles sich verändert, verändert sich auch die Ästhetik des Wandels. Eben das ist heute der Fall. Die Dichter der modernen Ära suchten das Prinzip des Wandels: wir Dichter eines neuen Zeitalters suchen das unwandelbare Prinzip, das die Grundlage der Wandlungen ist."

Kein Fortschritt mehr? Ewige Dichtung? Nein, noch haben sich die Tore nicht geschlossen, noch sind wir in Bewegung – und mit uns die Literatur. Octavio Paz skizziert einen Zustand des Übergangs und fordert Beständigkeit-in einer sich weiter beschleunigenden, sich überschlagenden Welt. Ein poetischer Wunsch, ein frommer Wunsch.