Auf einmal stand er in der Messe, unangekündigt, die Hände tief im schwarzen Trenchcoat vergraben. Er war nicht der einzige Besucher an Bord, ganz im Gegenteil. Zu Dutzenden drängten sie sich auf das an der Anlegebrücke von Archangelsk vertäute Schiff. Die Kampagnefahrt in der Sowjetunion die Massen an wie ein Wanderzirkus. Viele kamen aus handfester Angst vor dem nuklearen Müll des Kalten Krieges, der die arktischen Gewässer der Sowjetunion verseucht. Andere sahen in Greenpeace ein verschwommenes Symbol des Widerstandes in ihrer immer unhaltbarer werdenden Versorgungslage. Wieder andere wollten sich die goldene Gelegenheit zur Entfaltung einer neuen, marktwirtschaftlichen Begehrlichkeit nicht entgehen lassen. Aber der Mann im schwarzen Trenchcoat - nennen wir ihn, um seine Identität zu schützen, "Sergej" paßte nicht in das Bild.

Er stand da wie einer, der eine Botschaft bringen will, in dem gerüchteschweren Gedränge, in dem die scheinbar ewig letale Krise Mütterchen Rußlands immer neue, dramatische Umschreibungen erfuhr. Schließlich sagte er: "Ich fürchte, Sie bekommen ein falsches Bild. Auf Nowaja Semlja laufen keine verstrahlten Rentiere herum, denen die Haut vom Körper fällt. Mit Latrinenparolen kommen Sie nicht weiter. Sie müssen die Wirklichkeit kennen. Ich arbeite auf der Insel "

Nowaja Semlja, das "Neue Land", war das Ziel der Nordlandreise der M V Greenpeace. Eine Barriere von zwei langen Inseln, die als maritime Fortsetzung des Ural die aus wärmerem Atlantikwasser genährte Barentssee von der eisigen Karasee im Osten abtrennt. Im nachrevolutionären Sowjetstaat gehörten sie zur Russischen Republik. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts hatten Angehörige des nomadischen Nenets Stammes ihre Rentierherden in die bis dahin unbewohnte Tundra der Südinsel getrieben. Das Leben in der neuen Heimat währte aber keine drei Generationen. 1954 mußten sie das Pionierland wieder verlassen. Es wurde der Kontrolle der Republik entzogen und dem Hauptquartier der Nordmeerflotte in Severomorsk unterstellt - als Atomtestgebiet. In den fünfziger und sechziger Jahren ließ das Militär hier die kruden Sprengsätze des frühen Kalten Krieges wie in einem apokalyptischen Schießkabinett detonieren - unter Wasser, unter der Erde und in der Luft. Am 30. Oktober 1961 explodierte über der Insel ein thermonuklearer Sprengsatz von 58 Megatonnen, die gewaltigste je von Menschenhand ausgelöste Detonation. Sie verseuchte die gesamte Nordhalbkugel. Bei unterirdischen Versuchen testeten die Sowjets hier nukleare Ladungen bis zu 3 5 Megatonnen. Sie lösten mittelstarke Erdbeben aus. Seit Inkrafttreten des partiellen Teststoppabkommens am 31. März 1976 wurde nur mehr mit kleinerem Kaliber gefeuert, in der Regel unter 150 Kilotonnen, einem Bruchteil der Schützenfeste der fünfziger Jahre. Aber es ging immer wieder etwas schief. So brach bei einem Test am 2. August 1987 das Bohrloch ein, und eine radioaktive Wolke puffte in die Atmosphäre. Der Wind stand ungünstig. Er trieb die Spaltprodukte über die Barentssee nach Skandinavien. In Nordnorwegen und Teilen Schwedens wurden die höchsten radioaktiven Hintergrundwerte seit fünfzehn Jahren gemessen, nur beim Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 waren sie noch höher. Hätte der Wind die Spaltprodukte über die Polarkappe getrieben, wäre dieses Ausblasen des Bohrlochs nie bekanntgeworden. Nach US amerikanischen Schätzungen kommt es bei 20 bis 25 Prozent aller sowjetischen Tests zu solch einem venting. Doch Genaues weiß niemand.

Nowaja Semlja und die umliegenden Seegebiete, ein Areal von über 90 000 Quadratkilometern, unterliegen strengster Geheimhaltung. Nach der Besetzung der Inselgruppe durch deutsche U BootTruppen während des Zweiten Weltkriegs hat kein Ausländer sie mehr betreten. Selbst hohe Offiziere der Sowjetarmee werden in der Regel abgewiesen, wenn sie einen Antrag auf Besuch des Testgebietes stellen. Es existieren Seekarten für das Gebiet - aber man kann sie nicht bekommen. Sogar ein Buch, das Beschränkungen für die Seefahrt um die Inseln auflistet, wird an unauthorisierte Schiffe nicht ausgegeben. Nicht die besten Voraussetzungen für eine Fahrt in rauhe Gewässer - eine Fahrt in Neuland.

Zu Beginn der Reise hatte Greenpeace im nordnorwegischen Troms0 die Absicht verkündet, auf Nowaja Semlja zu landen. Der Landungstrupp wurde der Presse vorgestellt. Eine Frau und drei Männer aus vier Ländern. Der fünfzigjährige Norweger Bj0rn 0kern, eine eigenartige Charaktermischung aus zerstreutem Privatgelehrtem und wildem Wikinger, hatte vor Jahren schon mit Schlittenhunden von Spitzbergen nach Nowaja Semlja fahren wollen - ein hoffnungsloses Unterfangen. Jetzt sollte er die Gruppe leiten. Die anderen drei waren Jeanne Ni Ghormain, eine 37jährige Irin, die zäh mit sich und gegen die menschlichen Schwächen anderer kämpft; Jörn Haye, ein umsichtiger, stiller Seemann aus Hamburg, 31 Jahre alt, und der ebenso ruhige, tief in sich abgekapselte US Amerikaner Ted Hood, 29. Der sowjetische Botschafter in Norwegen drohte, daß jeder Versuch, in die Territorialgewässer um die Inselgruppe einzufahren, mit Gewalt gestoppt werden würde. In Murmansk, der ersten Station der arktischen Tour, erklärte der kanadische Leiter der Expedition einer Delegation von vier hohen, von Flottenadmiral Gromow entsandten Marineoffizieren unumwunden, die Crew der die Absicht, "Nowaja Semlja nur durchs Fernglas anzuschauen".

Und nun stand Sergej in der Messe und wollte auspacken. Warum? War er ein Spitzel? Was hatte er im Sinn?

Sergej war Akteur in einem Hergang, der sich mit der Zwangsläufigkeit eines Filmskripts entwickelte - manchmal fast zu zwangsläufig, als daß man es für wirklich halten mochte. Ein Thriller vom Ende des Kalten Krieges. Sergej berichtete, daß auf Nowaja Semlja seit einem Jahr ein Nuklearsprengsatz bereitliege. Seine Zündung wurde bislang viermal verschoben, jedesmal aus politischer Rücksichtnahme. Zuletzt in der ersten Septemberwoche, um ja keinen Mißton beim Gipfeltreffen der Präsidenten Bush und Gorbatschow in Helsinki aufkommen zu lassen.