Auf einmal stand er in der Messe, unangekündigt, die Hände tief im schwarzen Trenchcoat vergraben. Er war nicht der einzige Besucher an Bord, ganz im Gegenteil. Zu Dutzenden drängten sie sich auf das an der Anlegebrücke von Archangelsk vertäute Schiff. Die Kampagnefahrt in der Sowjetunion die Massen an wie ein Wanderzirkus. Viele kamen aus handfester Angst vor dem nuklearen Müll des Kalten Krieges, der die arktischen Gewässer der Sowjetunion verseucht. Andere sahen in Greenpeace ein verschwommenes Symbol des Widerstandes in ihrer immer unhaltbarer werdenden Versorgungslage. Wieder andere wollten sich die goldene Gelegenheit zur Entfaltung einer neuen, marktwirtschaftlichen Begehrlichkeit nicht entgehen lassen. Aber der Mann im schwarzen Trenchcoat - nennen wir ihn, um seine Identität zu schützen, "Sergej" paßte nicht in das Bild.

Er stand da wie einer, der eine Botschaft bringen will, in dem gerüchteschweren Gedränge, in dem die scheinbar ewig letale Krise Mütterchen Rußlands immer neue, dramatische Umschreibungen erfuhr. Schließlich sagte er: "Ich fürchte, Sie bekommen ein falsches Bild. Auf Nowaja Semlja laufen keine verstrahlten Rentiere herum, denen die Haut vom Körper fällt. Mit Latrinenparolen kommen Sie nicht weiter. Sie müssen die Wirklichkeit kennen. Ich arbeite auf der Insel "

Nowaja Semlja, das "Neue Land", war das Ziel der Nordlandreise der M V Greenpeace. Eine Barriere von zwei langen Inseln, die als maritime Fortsetzung des Ural die aus wärmerem Atlantikwasser genährte Barentssee von der eisigen Karasee im Osten abtrennt. Im nachrevolutionären Sowjetstaat gehörten sie zur Russischen Republik. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts hatten Angehörige des nomadischen Nenets Stammes ihre Rentierherden in die bis dahin unbewohnte Tundra der Südinsel getrieben. Das Leben in der neuen Heimat währte aber keine drei Generationen. 1954 mußten sie das Pionierland wieder verlassen. Es wurde der Kontrolle der Republik entzogen und dem Hauptquartier der Nordmeerflotte in Severomorsk unterstellt - als Atomtestgebiet. In den fünfziger und sechziger Jahren ließ das Militär hier die kruden Sprengsätze des frühen Kalten Krieges wie in einem apokalyptischen Schießkabinett detonieren - unter Wasser, unter der Erde und in der Luft. Am 30. Oktober 1961 explodierte über der Insel ein thermonuklearer Sprengsatz von 58 Megatonnen, die gewaltigste je von Menschenhand ausgelöste Detonation. Sie verseuchte die gesamte Nordhalbkugel. Bei unterirdischen Versuchen testeten die Sowjets hier nukleare Ladungen bis zu 3 5 Megatonnen. Sie lösten mittelstarke Erdbeben aus. Seit Inkrafttreten des partiellen Teststoppabkommens am 31. März 1976 wurde nur mehr mit kleinerem Kaliber gefeuert, in der Regel unter 150 Kilotonnen, einem Bruchteil der Schützenfeste der fünfziger Jahre. Aber es ging immer wieder etwas schief. So brach bei einem Test am 2. August 1987 das Bohrloch ein, und eine radioaktive Wolke puffte in die Atmosphäre. Der Wind stand ungünstig. Er trieb die Spaltprodukte über die Barentssee nach Skandinavien. In Nordnorwegen und Teilen Schwedens wurden die höchsten radioaktiven Hintergrundwerte seit fünfzehn Jahren gemessen, nur beim Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 waren sie noch höher. Hätte der Wind die Spaltprodukte über die Polarkappe getrieben, wäre dieses Ausblasen des Bohrlochs nie bekanntgeworden. Nach US amerikanischen Schätzungen kommt es bei 20 bis 25 Prozent aller sowjetischen Tests zu solch einem venting. Doch Genaues weiß niemand.

Nowaja Semlja und die umliegenden Seegebiete, ein Areal von über 90 000 Quadratkilometern, unterliegen strengster Geheimhaltung. Nach der Besetzung der Inselgruppe durch deutsche U BootTruppen während des Zweiten Weltkriegs hat kein Ausländer sie mehr betreten. Selbst hohe Offiziere der Sowjetarmee werden in der Regel abgewiesen, wenn sie einen Antrag auf Besuch des Testgebietes stellen. Es existieren Seekarten für das Gebiet - aber man kann sie nicht bekommen. Sogar ein Buch, das Beschränkungen für die Seefahrt um die Inseln auflistet, wird an unauthorisierte Schiffe nicht ausgegeben. Nicht die besten Voraussetzungen für eine Fahrt in rauhe Gewässer - eine Fahrt in Neuland.

Zu Beginn der Reise hatte Greenpeace im nordnorwegischen Troms0 die Absicht verkündet, auf Nowaja Semlja zu landen. Der Landungstrupp wurde der Presse vorgestellt. Eine Frau und drei Männer aus vier Ländern. Der fünfzigjährige Norweger Bj0rn 0kern, eine eigenartige Charaktermischung aus zerstreutem Privatgelehrtem und wildem Wikinger, hatte vor Jahren schon mit Schlittenhunden von Spitzbergen nach Nowaja Semlja fahren wollen - ein hoffnungsloses Unterfangen. Jetzt sollte er die Gruppe leiten. Die anderen drei waren Jeanne Ni Ghormain, eine 37jährige Irin, die zäh mit sich und gegen die menschlichen Schwächen anderer kämpft; Jörn Haye, ein umsichtiger, stiller Seemann aus Hamburg, 31 Jahre alt, und der ebenso ruhige, tief in sich abgekapselte US Amerikaner Ted Hood, 29. Der sowjetische Botschafter in Norwegen drohte, daß jeder Versuch, in die Territorialgewässer um die Inselgruppe einzufahren, mit Gewalt gestoppt werden würde. In Murmansk, der ersten Station der arktischen Tour, erklärte der kanadische Leiter der Expedition einer Delegation von vier hohen, von Flottenadmiral Gromow entsandten Marineoffizieren unumwunden, die Crew der die Absicht, "Nowaja Semlja nur durchs Fernglas anzuschauen".

Und nun stand Sergej in der Messe und wollte auspacken. Warum? War er ein Spitzel? Was hatte er im Sinn?

Sergej war Akteur in einem Hergang, der sich mit der Zwangsläufigkeit eines Filmskripts entwickelte - manchmal fast zu zwangsläufig, als daß man es für wirklich halten mochte. Ein Thriller vom Ende des Kalten Krieges. Sergej berichtete, daß auf Nowaja Semlja seit einem Jahr ein Nuklearsprengsatz bereitliege. Seine Zündung wurde bislang viermal verschoben, jedesmal aus politischer Rücksichtnahme. Zuletzt in der ersten Septemberwoche, um ja keinen Mißton beim Gipfeltreffen der Präsidenten Bush und Gorbatschow in Helsinki aufkommen zu lassen.

Vor jedem Test wird die Befehlskette vom Flottenhauptquartier Seweromorsk nach Moskau umgeschaltet. Archanselsk, das alte Holzhandelszentrum an der Mündung der Dwina in das Weiße Meer, ist der Drehpunkt für die Versorgung der immer noch zwei Seetagesreisen entfernten Inselkette "Archangelsk 56" ist die Deckadresse für den Militärstützpunkt Beluschja im Süden der Insel. Flüge nach Beluschja werden auf der Abflugtafel in Archangelsk Airport unter dem Code "Anderema2" angekündigt. Und vor jedem Test laufen die Passagierschiffe Bukowina und Tartaria aus der Dwinamündung in Richtung Norden aus, um bei einem Ausblasen des Bohrlochs die Militärsiedlung am Matotschkin Schar im Zentrum des Versuchsgeländes zu evakuieren. Nach dem Unfall von 1987 wurde sie für über zwei Monate geräumt.

Matotschkin Schar liegt knapp dreihundert Kilometer nördlich des Militärstützpunktes Beluschja. In Beluschja wohnen auch Frauen und Kinder der Atomsoldaten; es gibt eine Schule. Nun, so Sergej, habe man damit begonnen, knappe dreißig Kilometer westlich des Stützpunktes ein neues Testgelände zu bauen. Nowaja Semlja ist unter Soldaten ein begehrter Einsatzort. Sie erhalten doppelten Sold; ihre Dienstzeit wird obendrein doppelt angerechnet. Jetzt, erzählte er, ginge die Angst um. Hinter vorgehaltener Hand sprächen etliche Soldaten bereits davon zu "flüchten".

Der Bau einer neuen Teststätte scheint allen politischen Bemühungen um ein Ende der atomaren Frontenstellung zuwiderzulaufen. Präsident Gorbatschow hat sich für eine atomwaffenfreie Barentssee stark gemacht. Im Januar 1991 findet unter der Ägide der Vereinten Nationen in New York eine Konferenz mit dem Ziel eines umfassenden Teststopps statt.

Einstweilen aber machen die Atommächte munter weiter - allen voran die Amerikaner. Allein im September detonierten drei Atomsprengköpfe im US Testgelände in der Wüste von Nevada. Und noch in dieser Woche zündeten die Amerikaner dort eine Atombombe. Atomtests dienen der Verfeinerung und der zielgenaueren Schlagkraft der Sprengsätze. Die Gesamtzahl der Kernversuche mag nachgelassen haben. Die Entwicklung neuer Waffensysteme wurde auf beiden Seiten drastisch gekürzt. Doch die im Kalten Krieg liebgewonnenen Gewohnheiten sind so tief in militärischem Denken verwurzelt, daß eine Friedensordnung zur See nicht einmal in Ansätzen sichtbar ist. Die Großmächte betrachten die Weltmeere nach wie vor als Exerzierfelder für atombewaffnete Flotten. Die Einschränkung der alten Freiheit der Meere durch militärische Sperrgebiete hat sich schon zum Gewohnheitsrecht verfestigt. Frankreich sperrt sich gegen jede Beschränkung seiner atomaren Piraterie im Südpazifik. Am 27. November 1989 ließ es im Fangataufa Atoll den stärksten Sprengsatz seit zehn Jahren detonieren. Abgestoßene Gebiete. Auch die UdSSR ist nicht bereit, Nowaja Semlja wieder in die Russische Sowjetrepublik einzugliedern.

In den siebziger und achtziger Jahren war das arktische Testgelände nur von untergeordneter Bedeutung für die sowjetische Rüstung. Damals führte sie in erster Linie in Semipalatinsk in Kasachstan den obszönen Versuchskrieg der Atommächte gegen die Zivilbevölkerung - mit offenbar verheerenden Folgen. Die Frankfurter Rundschau berichtete im vergangenen Jahr, die Säuglingssterblichkeit im Umkreis des Testgebiets liege um ein Mehrfaches über dem Landesdurchschnitt; Leukämie und Selbstmord hätten epidemische Ausmaße erreicht. Die Sojwetregierung streitet im altbewährten Unisono aller Atommächte derartige Berichte ab. Doch der politische Druck in der asiatischen Republik wuchs derart, daß mittlerweile in Semipalatinsk nicht mehr getestet wird. Nun gräbt sich die militärische Atomlobby in Nowaja Semlja ein.

Sicher ist Sergej ein Ausnahmefall. Er versorgte das Protestschiff mit Detailinformationen über Wetterbedingungen, Anlage der Testminen und Bewachung der Inselgruppe, die sich "später als durchweg korrekt erwiesen. Die Ablehnung weiterer Tests greift innerhalb der Streitkräfte um sich. Nicht lange, nachdem Sergej sich verabschiedet hatte, erschien Major Lymar an Bord, persönlicher Assistent des Generals Koltunow. Koltunow, ehemals in der politischen Abteilung der Armee tätig, profiliert sich gegenwärtig als Testgegner. Ein Opportunist, behaupten seine Gegner. Aber sind Opportunisten nicht mitunter das beste Barometer vorherrschender Stimmungen?

Kurioser war der Besuch eines Herrn, der sich erst später als Major des KGB entpuppen sollte. Er präsentierte der Greenpeace Crew Photos von Eisbären und Seehunden, die er an der Küste von Nowaja Semlja aufgenommen hatte. Einstweilen wollen wir ihn nur den "Doktor" nennen und auf seinen zweiten Auftritt warten. In einem Punkt stimmten allerdings sämtliche Besucher überein: "Auf Nowaja Semlja landen? Das schafft ihr nie und nimmer!"

Am Nachmittag des 6. Oktober hievte die der Bucht von Drewjanka den Anker für die Fahrt nach Norden. Seit sie in sowjetische Gewässer eingelaufen war, wurde sie von Schiffen des Sicherheitsdienstes KGB beschattet. In der Ausfahrt der Bucht wartete das für Eisgang ausgerüstete Kriegsschiff 26. Parteitag der KPdSU. Das Standardbuch "Janes Fighting Ships" beschreibt seine Ausrüstung: 3500 Tonnen Verdrängung, drei dieselelektrische Antriebsaggregate mit 5400 PS, zwei 76 Millimeter Hauptgeschütze und zwei sechsrohrige 30 Millimeter Nebengeschütze.

Der über dreißig Jahre alte, zum Protestboot umgerüstete Schlepper mit den Regenbogenstreifen auf den Bordwänden nahm sich daneben mit seinen vorsintflutlichen Tucker Dieselmotoren wie ein hoffnungsloser Anachronismus aus. Während der Nacht driftete der alte Dampfer eine halbe Stunde in der von Nordoststürmen aufgewühlten See. Ein Kolbenring war gebrochen. Der Fortgang der Reise, sagte Chefmechaniker Peter Laue, stand auf des Messers Schneide.

Doch die Jagd begann - am 7. Oktober um viertel nach elf. Das KGB Schiff setzte sich dicht an Steuerbord Über Kanal 16 kam ein Funkspruch: "Greenpeace, Greenpeace. Sie verletzen sowjetisches Hoheitsgebiet und verstoßen gegen die Gesetze der Sowjetunion. Können Sie uns sagen, welches Ziel Sie ansteuern?"

"Jawohl, 26. Parteitag der KPdSU erwiderte Kapitän Ulrich Jürgens "Eine atomwaffenfreie Welt, und unser Kurs ist 328 Nord Er schnappte das Bordtelephon und rief in den Maschinenraum hinunter: "Gib uns, was du rausholen kannst, und zwar so schnell wie möglich!" Und er murmelte in seinen ausladenden Seemannsbart: "Solln sie mal sehen, was ne Harke ist "

Die alten Schiffsdiesel klapperten wie rasende Nähmaschinen. Sie schoben die schwarze "Wurstgurke" mit 13 5 Knoten durch die Wogen.

"Läuft sie nicht Spitze?" ging Jürgens das Herz über. Um kurz nach ein Uhr am frühen Montag morgen änderte er seinen Kurs - geradewegs in die Einfahrt nach Matotschkin Schar, dem Testgelände.

"Drehen Sie ab! Drehen Sie ab!" rief es aus dem Funkgerät "Ihre Handlungsweise ist unverantwortlich und riskant. Dieses Seegebiet ist für jegliche Schiffahrt gesperrt "

Als Antwort brachte die MV Greenpeace zwei ihrer schnellen Beiboote zu Wasser, das Avon und das RI28. Sie tanzten wie Motten in der Nacht um die dunkle Silhouette des Kampfschiffes. Durch das Fernglas war zu sehen, wie sich auf dem sowjetischen Schiff eine Luke öffnete und drei Gestalten wie Schatten in das Geschützgehäuse schlüpften. Vom Heck des Kriegsschiffes schössen Leuchtraketen wie ein wirres Feuerwerk in Richtung der Schnellboote. Vergebens. Zweimal verfehlten sie nur knapp ihr Ziel. Das Avon schlich sich wieder längsseits der Greenpeace, wurde schnellstens mit Rucksäcken und Proviant beladen und verschwand mit dem Landungstrupp an Bord unbemerkt in der tiefen Dunkelheit. Was folgte, war ein abenteuerliches Katz- und Mausspiel zweier Stahlkolosse, ein Manövrieren und Täuschen wie in alten Seeschlachten. Die Schiffsköchin, Sally OKeeffe, stand hinter dem Steuerrad der alten "Wurstgurke" und wirbelte es von Steuerbord nach Backbord. Kapitän Jürgens lief von einer Brückentür zur anderen, spähte durch sein Fernglas, warf den Maschinentelegraphen vor und zurück, rief Befehle. Die alte Seemanns Strategie - warte, bis der andere sich festgelegt hat, dann überliste ihn - funktionierte wie am Schnürchen. In einem einzigen Manöver gewann die Greenpeace eineinhalb Meilen gegen den Um viertel nach vier stand sie sechs Meilen dichter unter Land als zu Beginn des Seeballetts direkt in der Einfahrt zu Matotschkin Schar. Jürgens hielt sein Schiff an. Er mußte unbedingt aufs Klo. Das Kampfschiff kam längsseits und brachte seine Kanonen in Position zum Feuern. Jürgens saß auf der Toilette, als 22 Geschosse in drei Feuerstößen vor den Bug fauchten.

Der Wintermorgen dämmerte. Dünner Schnee trieb über die weite, graue See, und die Sonne stieg honiggelb aus zarten Wolkenbänken über die kargen Hügel der Inselkette. Das alte, schwarze Schiff strahlte etwas von der ruhigen Würde der morgendlichen Natur aus, zwischen dem hektischen Hm und Her militärischer Machtentfaltung Ein turbinengetriebenes Torpedoboot näherte sich m rasanter Fahrt, zog einen dicken, weißen Dampfnebel hinter sich nach Ein Hubschrauber knatterte im Tiefflug über das Vordeck Überall entlang der Kustenhme flammten Lichter auf Leuchtraketen stiegen in den Morgenhimmel Mit Kalaschnikows und Pistolen bewaffnete Matrosen enterten das Achterdeck, stürmten die Brücke und schlugen die Tür zur Funkerkabine ein Die welt abgeschnitten Die Übernahme des Schiffes hatte ihre häßlichen Momente Nach einer Mannschaftsberatung m der Messe zuckte Kapitän Schemil, der Fuhrer des Ubernahmetrupps, seine Pistole Ein junger Offizier, kein schlechter Kerl, aber völlig überforden und nervös nach der aufreibenden Nacht Er entsicherte und schrie "Sitzenbleiben Sitzenbleiben, oder ich schieße 1" Ulrich Jürgens trat vor ihn und sehne zurück "Los denn 1 Auf wen wolln Sie denn schießen Auf nen Mann mit einer Tasse Tee in der Hand" Ein paar Sekunden Schweigen Dann setzte sich jeder Schemil steckte die Pistole wieder in den Gurt Es wurde zu einer KGB Aktion mit menschlichem Antlitz Bald konnten sich viele der blutjungen Matrosen ein Lächeln nicht mehr verbeißen Wo sie hinsahen - aufgeregte, jubelnde Gesichter Die Soldaten kannten freilich nicht den Grund der Freude ihrer Kontrahenten Um fünf vor sechs war das Avon von seinei Mission zurückgekehrt Es hatte den Landungstrupp unbemerkt auf Nowaja Semlja abgesetzt Niemand auf der Insel schöpfte Verdacht Die vier Wanderer setzten ihre Rucksacke auf, hängten sich ihre Dosiszahler um den Hals und zogen los B)0rn 0kern, im Strahlungsschutz ausgebildeter Mediziner, prüfte die Radioaktivität mit einem Geigerzahler An der Küste war sie nicht außergewöhnlich hoch, um 0 2 Becquerel pro Quadratzentimeter Hinter der Küste ging es steil bergan zu einem etwa 800 Meter hohen Berg Drei Kilometer landein fanden die Vier einen Tunneleingang Gemeinhin zeichnen Nukleareinrichtungen sich - trotz ihres schlechten Rufes - durch klinische Akribie und hochtechnische Effizienz aus Der Tunneleingang glich einem vor Jahren aufgegebenen Erzbergwerk Verrostete Generatoren lagen herum, umgekippte Loren und zerfallene Nissenhütten, verbogener Profilstahl und aufgeschnittene Kabelrollen, alles in wirrem Durcheinander Die Anzeigen auf 0kerns Geigerzähler waren - als ob er ein Höhenmesser wäre - immer weiter geklettert Bei 50 Becquerel erreichte er die Grenze seines Meßbereichs Eine Stunde lang blieb er bei 50 hangen Jörn Haye und Ted Hood wagten sich m den Tunnel Mit jedem Schritt schlugen die Dosiszahler weiter aus Bei 25 Mikrosievert pro Stunde piepte es Alarm Nach dreißig Metern horte der Tunnel auf, war eingebrochen Die Zahler zeigten 32 Mikrosievert Ted Hood beugte sich zu Boden, um aus einer Pfütze eine Wasserprobe zu ziehen Sein Gerat schnellte auf 42 Mikrosievert hoch Man muß diese Zahlen in ein Verhältnis bringen Ein Rontgenologe oder ein Physiker, der mit Isotopen arbeitet, soll nicht mehr als eine Strahlendosis von 10 bis 12 Mikrosievert pro Jahr erhalten Als die Wanderer nach knapp elf Stunden auf der Atommsel festgenommen wurden, hatte jeder von ihnen eine Strahlung von 14 Mikrosievert aufgesogen Ted Hoods Zahler zeigte sogar eine Gesamtdosis von 22 Mikrosievert, ein allerdings unzuverlässiges Resultat Er hatte sein Gerat etliche Male über stark radioaktiv verseuchten "heißen Stellen" baumeln lassen Im Oktober 1989 berichteten zwei Volksdeputierte der UdSSR - Dr med Wladimir Lupandin und Dr hist Jewdokis Gaer - m den Moskau sel vom verheerenden Gesundheitszustand der dortigen Bevölkerung Die Mortalität durch Speiserohrenkrebs sei die höchste der Welt, die Leberkrebsmorbiditat zehnmal hoher als im Landesdurchschnitt Darüber hinaus entstunden neue Formen bösartiger Tumore, Geschwulste des Binde- und Knochengewebes sowie der Schilddrüse Das Immunsystem sei derart beeinträchtigt, daß praktisch hundert Prozent der Bevölkerung m Tuberkulose litten Die Tschuktschenhalbinsel hegt auf dem Festland gegenüber Nowaya Seml)a Die Autoren machten die Atomtests der fünfziger und sechziger Jahre verantwortlich Der Muß des Kalten Krieges strahlt immer weiter Und neuer Mull wird nach wie vor geschaffen Dennoch trugen die Offiziere, die die vier Wanderer festnahmen - soweit das feststellbar war - keine Strahlungsmeßgerate Im Armeestutzpunkt Schumihka, einer heruntergekommenen Barackensiedlung, wurden die Vier mit Geigerzählern gefilzt Samtliche Boden- und Wasserproben, die sie gesammelt hatten, wurden konfisziert, sogar Ted Hoods stark verstrahite Handschuhe Eine Analyse der Isotopenstruktur hatte Aufschluß geben können über die Zusammensetzung der Sprengsatze - das bestgehutete Geheimnis jeder Atommacht Bislang sind nur auf seismologischen Daten basierende Schätzungen der Sprengkraft jedes Versuches bekannt Im Radms von fünf Kilometern um die Landungsstelle wurden demnach im Laufe der Jahre 26 Atombomben gezündet Das eingeschränkte Teststoppabkommen, das 1976 in Kraft trat, beschrankte Versuche auf 150 Kilotonnen Das immer wieder - auch in den USA - vorkommende Auspuffen der Bohrlocher verstoßt allerdings gegen das Teststoppabkommen von 1963, das atmosphärische und Unterwasserversuche beendete Das unkontrollierte Aussickern von Radioaktivität aus einem Bohrloch verrat eine hahnebuchene Gleichgültigkeit gegenüber allen internationalen Strahlungsschutzbestimmungen Eine Analyse der Isotopenstruktur hatte auch Aufschluß geben können über den Wahrheitsgehalt von Gerüchten, daß die Sowjets bei ihren Tests radioaktiven Mull m den Bohrlochern ablagerten, um ihn durch die Detonation im Hintergrund zu verschmelzen Sergej hatte von der Mullablagerung auf Nowaja Semlja gehört, wußte aber nichts Genaues Zweifellos waren die Wanderer m ein hochkritisches Gebiet gestolpert Das ließ sich aus der Äußerung eines der Offiziere heraushören "Wir haben den Berg jetzt doch m den Griff bekommen 1"

Unterdessen nahm der KGB Thnller auf der gungen der Crew zur Kooperation - Aufschluß über den Verbleib der Wanderer, Öffnung der Funkkabine und keine Waffen innerhalb der Aufbauten - ließen die Besetzer sich nicht ein Am frühen Dienstag morgen nahm der - ebenfalls vom KGB betriebene - Schlepper Jenmsey die gab dem Zug das Geleit Drei Tage dauerte die Fahrt über die Barentssee Drei Tage Untätigkeit, Dosen und Sorge um das Schicksal der Vier Kapitän Jürgens ungebandigtes Gelachter verstummte Man saß still um die Tische in der Messe und kaute appetitlos sein Essen Der Zigarettenkonsum nahm beängstigende Ausmaße an Einer der sechs russischen Gaste an Bord, Andre) Solotkow, Volksdeputierter der UdSSR, schien um Jahre gealtert "Es ist die Angst", erklarte einer seiner Landsleute Doch die Besatzer zeigten unbestechliche Disziplin, geradezu ruhrende Höflichkeit Und es gab Augenblicke, in denen man ihnen recht geben mußte Bei einer Diskussion eines anderen Volksdeputierten an Bord, Viktor Fjodorowitsch Tolkaschew, mit ein paar der jungen Matrosen warfen diese ihm vor "War es nicht eure Generation, die uns das alles eingebrockt hat" Tolkaschew, der sich heute als Testgegner exponiert, hatte noch vor drei Jahren ein überaus systemkonformes Traktat verfaßt Am Donnerstag abend schleppte die Jenmsey das Protestschiff an einen Ort aus dieser alten Zeit Etwas abseits der Einfahrt in die felsige Bucht von Murmansk tat sich plötzlich - für vorbeifahrende Schiffe nicht einsehbar - ein kleiner Fjord auf Kuwschmkaja, der KGB Stutzpunkt der nördlichen Flotteneinheit Hierhin fuhrt keine Straße, er ist nur von der See oder mit dem Hubschrauber erreichbar Eine furchtemfloßende Szenerie Ein grüner Wachturm mit Infrarot Teleskop, Lederbemantelte, pelzbemutzte Soldaten mit geschulterten Kalaschnikows auf dem Anleger, finster dremblickende Offiziere mit großen Schirmmutzen und ordenbestuckter Brust Im Hintergrund graugrüne Kasernen und halb oben an der die Bucht einfassenden Felsmauer ein gräßlicher Schattenriß Lenins Sähe man die Szenerie im Film, hielte man sie für überzogen Die Wirklichkeit übertrifft die Phantasie Zwei Tage zähe Verhandlungen Der Generalstaatsanwalt und hohe Militärs wurden aus Moskau eingeflogen Anschuldigungen gipfelten m dem Euphemismus für Spionage "Sie haben Informationen zum Schaden der Sowjetunion gesammelt Auf der Greenpeace versteckte jeder, was Verdacht erregen konnte Schriftstucke, Notizen, Filme Der Kameramann klebte seine Kassetten hinter die Rohrleitungen des Samtarsystems Einige Dokumente wanderten, m Schnitzel gestückelt, über die Bordwand Stand eine Untersuchung bevor Dann trat der "Doktor" wieder auf In Majorsuniform Er war Schiffsarzt auf dem 26 Parteitag Nun kam er strahlend an Bord und sagte lachend "Das war eine tolle Aktion 1" Und er deutete mit einer markigen Handbewegung an Ihr habt unseren Jungen gezeigt, wie mans macht Die vier Wanderer hatte der KGB m der Nacht zum Dienstag auf den 26 Parteitag gebracht Der Doktor war verantwortlich für die Gefangenen Er verwohnte sie nach Strich und Faden, hielt sie über den Gang der Dinge auf dem laufenden und zeigte ihnen stolz seinen bordeigenen Operationssaal, ein Gruselkabmett mit in Topfchen konservierten Fingerenden, Blinddärmen und Krebsgeschwuren, die er seinen Matrosen herausgeschnitten hatte Die staatsanwaltliche Untersuchung endete wie eine Farce Es schien, als ob es im sowjetischen Rechtssystem keine Paragraphen gäbe, um mit der Protestaktion in akzeptabler Manier zu verfahren Oder hatte der Doktor recht Er behauptete, ein Telephonanruf von Präsident Gorbatschow am Freitag abend habe der Scharade ein Ende gesetzt Die Wanderer kamen gluckselig zurück an Bord Am Samstag wurde die Greenben Beim Abschied winkten die Matrosen des schaftstreffen Es war fast ein wehmutiger Abschied