Die Affäre um einen verschwundenen (toten?) Seelsorger, einen dubiosen Inspektor und dunkle Polit-Figuren im Hintergrund

Von Joachim Fritz-Vannahme

Der Pastor schien nicht sehr überrascht: "Polizei. Würden Sie uns bitte folgen. Es handelt sich um eine einfache Überprüfung." Die beiden Männer verharrten im schlecht beleuchteten Hausflur, der Angesprochene rief seinem Freund im Innern der Wohnung zu, das ganze werde wohl nicht lange dauern, zog die Tür zu – und ward nicht mehr gesehen.

Seit dem 19. Juli, 20.30 Uhr, ist der Pariser Baptistenpfarrer Joseph Douce verschwunden. Erst vor acht Wochen wachte die Presse auf, doch bis heute schwelt die "Affaire Douce" in den Zeitungsspalten nur. Zu verwirrend liegt der Fall: Ein Krimi ohne Leiche, ein Pfarrer, der keiner mehr ist; ein Polizist, der womöglich gar keiner war, und ein anderer, der mit Ausweis und Pistole auftrat wie ein Ganove; zwei Polizeiabteilungen, die sich befehden. Ein Skandal, der bereits einen anderen aufdeckte und vielleicht noch einen größeren verbirgt. Die französischen Reporter jedenfalls biegen das Gestrüpp der Gerüchte und Halbwahrheiten mit spitzen Fingern auseinander.

"Schwulenpastor" heißt Joseph Douce in der Szene. "Sexologe" nennen ihn etwas schamhaft die Reporter. Dabei machte der graubärtige Pastor mit dem stillen Lächeln aus seinem Engagement für die Rechte von Homosexuellen, Transvestiten oder Sadomasochisten keinen Hehl, ganz im Gegenteil. Den Medien waren er und sein "Centre du Christ Liberateur – Minorites sexuelles" seit Jahren bekannt. Im 17. Pariser Bezirk hatte Douce direkt neben seiner Wohnung diesen Treffpunkt eingerichtet, dicht an der lärmigen Avenue de Clichy, eine Jedermannsadresse – zur lauten Seite hin eine Absteige für Einwanderer, zur stillen hin ein altes, bürgerliches Viertel. Unlängst wurde neben dem Treffpunkt eine Buchhandlung eingerichtet, auf die die Polizei rasch ein Auge warf. Sie vermutete, daß dort unter den Kunden auch manches Gesicht aus ihren Fahndungsbüchern auftauchte.

Je mehr Douce das sonst eher heimliche Sexualleben der Transvestiten oder Päderasten ohne Scheu umsorgte und verteidigte, um so mehr wurde er auch seinen Kirchenoberen verdächtig. Sie enthoben den schwierigen Samariter 1983 endgültig seines Amtes: Aus dem in Belgien in einer katholischen Familie großgewordenen, in der Schweiz mit protestantisch-theologischen Weihen versehenen Geistlichen wurde damit ein Pastor mit Gänsefüßchen. Douces Pariser Anfänge am Place Pigalle finanzierten holländische Protestanten. Vor den Kameras schloß er unter gleichgeschlechtlichen Paaren eine Art Segensbund der Liebe und Freundschaft, vor den Mikrophonen plädierte er für ihre Sache, die auch seine eigene war. Sein Lebensgefährte war an jenem Abend de letzte, der den Geistlichen sah.

Beamte als Spitzel