Der 1990er Wein, der in diesem Herbst geerntet wird, soll den Namen „Wiedervereiniger“ erhalten. Die Besucher des deutschen Weinlesefestes in Neustadt an der Weinstraße wählten am Samstag abend mit großer Mehrheit diesen Namen unter fünf zur Auswahl stehenden Begriffen. Seit 1929 wird dieser Brauch in der Pfalz gepflegt. Im vergangenen Jahr hatten die Weinfestgäste sich auf dem Höhepunkt der Sympathiewelle für den sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow für den Namen „Gorba-Schoppen“ entschieden.

dpa am 14. Oktober 1990

Journalistenpoesie: Es!

Was immer in dieser Zeitung stehen mag, zwischen Leitartikel (ganz vorne, ganz oben) und „Letztem“ (ganz hinten, ganz unten) – die schönsten Zeilen dieser ZEIT- Ausgabe stehen hier, kommen jetzt. Wir dürfen das so unbescheiden sagen, denn wir haben sie schlichtweg der Frankfurter Rundschau entwendet, woselbst Alexander Ullmann (welcher Zeitmosaik-Leser hätte ihn vergessen?), König der Kunstform „Journalistenpoesie“ (Klaus Geitel, Albrecht Roeseier, Josef Joffe u.v.a. mögen verzeihen), ein wahrhaft königliches Comeback beging. Wir verstummen, hören auf zu husten und geben a.u. den Einsatz für sein Großes Allegro Furioso für Pianoforte und Schreibmaschine:

„Irina Edelstein, zu Gast bei der ‚Musikschule Taunus‘, trat im Bürgerhaus Schwalbach auf. Und schon der Einstieg, mit Franz Schuberts ‚Moments musicaux‘, op. 94, hatte es. Hatte substantiell Klang, Klangfarbe, dazu Lauttransparenz (wichtig: in relativierter, eben Schubertischer Zurücknahme in virtuosen Bereichen); ließ Raum, Muße für Doppelbödigkeit, trügerisches Idyll. Irina Edelstein kann offenbar nicht anders denn radikal an diesen Schubert gehen. Sie begibt sich auf eine Gratwanderung, läßt Leere sich offenbaren, reagiert ratlos, raunt Pianissimo-Strukturen in dramatischem Piano’ vor sich hin: Der Defekt kommt auf den Zuhörer gnadenlos, konsequent zu... Und dann noch: Sergej Rachmaninoff, wie ihn nur eine russische Pianistin begreiflich machen kann. Zwei Etüden, dann die ‚Corelli-Variationen’: sinnlich, geballt, auf den Punkt gebracht. Brachialmotorik kommt locker daher, Linien divergieren, verlieren sich, dann entpuppt sich der ‚rote Faden‘ als klassisch-synthetischer Leitgedanke. Rachmaninoff, ästhetisch, trotzig, bannend. Voller Schwärze: bedingungslos ins ‚marcato‘ gesteuert, gnadenlos in klavieristischer Intensität. Irina Edelstein hat ‚es‘. Uns verblieb die Reaktion auf einen der spannendsten Klavierabende in der letzten Zeit.“

Neues Deutschland (2)

Im Bonner Bungalow des Bundeskanzlers, in einer Juni-Nacht des vergangenen Jahres, wurde der Grundstein zum Einheitsgebäude der Deutschen gelegt. Das Ehepaar Kohl saß damals mit dem sowjetischen Parteichef Gorbatschow und dessen Frau zum Gespräch beisammen. Nicht nur über Politisches sprachen Kanzler und Staatsgast. Der Blick ging zurück in die Geschichte mit ihren Stürmen und Zeiten ruhigen Aufbaus; Schatten und Lichtstrahlen auf den Beziehungen zwischen Deutschen und Russen im Verlauf der Jahrhunderte wurden betrachtet. Die Wirkung einzelner Personen, wie Peters des Großen und später Bismarcks, wurde gewichtet. Erfahrungen und Erlebnisse Kohls, der auf die Sechzig zuging, des ein wenig jüngeren Gorbatschow und ihrer Familien durchdrangen das Gespräch... Ein Jahr später, wiederum nachts, in der Berghütte zwischen den Hängen des Nordkaukasus, fand das Gespräch seine Fortsetzung. In der kargen Hütte, inmitten der Stille der Wiesen über dem Fluß, wurde das Einverständnis enger geflochten und zur Übereinkunft verdichtet. Lange Spaziergänge, eine Begegnung mit Bauern auf dem Felde hatten zuvor weitere Nähe erwiesen: ein Gefühl für Heimat, das Empfinden der Natur und ein herber wie praktischer Sinn, die Lebenswirklichkeit einfacher Menschen zu erfassen, waren beiden gemeinsam. Kohl wie Gorbatschow zeigten sich fähig, das Einfache wie das Große als Anstoß zu notwendigem Handeln zu verstehen. Der Pfälzer lud den Südrussen nach Oggersheim ein. Was in Deutschland als Provinzialismus bespöttelt wird, erwies sich als starke Verwurzelung, die auch Kraft zum Fernblick gibt.

Claus Gennrich: „Der Kanzler der Einheit steht jetzt im Licht. Der Machtmensch Kohl und die Klugheit der Selbstbescheidung.“ (Auszug), „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Oktober 1990