Die Preußen kommen

Auf der Suche nach neuer Heimat sieht sich der brandenburgische Landtag jäh gestoppt: Alle Parteien hatten ihre Fraktionsmitglieder auf den Brauhausberg schicken wollen, wo der "Potsdamer Kreml" die alte Preußenstadt an der Havel überragt. Das burgähnliche Gemäuer hatte zuletzt die SED-Bezirksleitung beherbergt; vor achtzig Jahren als Kriegsschule erbaut und später als Reichs- und Heeresarchiv genutzt, hätte der Landtag hier ein hervorragendes Quartier beziehen können. Hätte – wenn das SED-Erbe nicht inzwischen von der PDS an die Post vermietet worden wäre. Mit neuem föderalen Selbstbewußtsein basteln die Brandenburger bereits an einem Protestbrief an Bundespostminister Schwarz-Schilling. Juristisch ist am Mietvertrag kaum zu rütteln, aber politisch werden sie um so nachdrücklicher ihren Eigenbedarf anmelden. Die Preußen lassen sich nicht ins Posthorn jagen.

Presseschelte

Über die Jahre hat sich Singapurs Premierministe Lee Kuan Yew immer wieder mit der ausländischen Presse angelegt. Nun muß jede fremde Publikation, die in Singapur mehr als 300 Exemplare verkauft und die über politische Ereignisse in "irgendeinem Land Südostasiens" berichtet, alljährlich eine Vertriebserlaubnis beantragen. Das Asian Wall Street Journal, schon vor drei Jahren wegen kritischer Berichte mit einer Kürzung der in Singapur verkauften Auflage von 5000 auf 400 Exemplare bestraft, zog jetzt die Konsequenzen: Es stellt seinen Vertrieb im Stadtstaat ganz ein. Premier Lee aber kämpft weiter gegen die "Einmischung" der ausländischen Presse – nicht nur daheim. In Hongkong erklärte er dieser Tage, Schuld am Massaker in Peking vor einem Jahr sei letztlich das westliche Fernsehen. Es habe die chinesischen Studenten verleitet, unvernünftige Forderungen an ihre Regierung zu stellen.

Lauschiger Spaziergang

Noch heute werden in der Sowjetunion immer neue Opfer des Stalinismus aufgefunden und beigesetzt. Am vergangenen Samstag wurden nahe der Industriestadt Sosnowka die Gebeine von 464 erschossenen Menschen zu Grabe getragen. Fast alle Opfer starben durch schwerkalibrige Geschosse, abgefeuert aus Nagan-Revolvern – der Standardwaffe von Stalins Geheimpolizei. Nach der Beerdigung bummelte ein amerikanischer Reporter durch einen nahen Pinienwald – womöglich, um auf andere Gedanken zu kommen. Doch von seinem russischen Begleiter mußte er erfahren, daß auch unter diesen Pinien bei Sosnowka die Gebeine Zehntausender von Stalin-Opfern vermutet werden.