Erst Oskar Lafontaine, jetzt Wolfgang Schäuble – zum zweiten Mal in diesem politisch so bewegten Jahr hat ein geistig Kranker einen Politiker niedergestreckt. Nun müssen wir befürchten, daß in der Schlußphase des sich zuspitzenden Wahlkampfes neue Gefahren von Nachahmungstätern drohen. Was läßt sich dagegen unternehmen?

Wenig genug. Was immer sich die Sicherheitsexperten noch einfallen lassen mögen – ein Restrisiko wird bleiben, wenn anders Politik nicht gänzlich in die sterile Atmosphäre der Fernsehstudios abgedrängt werden, wenn das Leben der Politiker nicht völlig hinter Panzerglas verschwinden soll. Also eine resignierende Kapitulation vor dem Einbruch des Sinnlosen in den politischen Alltag? Zumindest über eines müßten alle Politiker nachdenken: Je stärker das politische Klima in sinnloser Polarisierung und personalisierter Konfrontation aufgeheizt wird, desto größer ist die Versuchung für Irregeleitete, ihr individuelles Leiden an den Protagonisten der politischen Auseinandersetzung abzureagieren. So gesehen ist der zivilisierte Umgangston im Ringen der Meinungen und Parteien nicht nur ein Gebot der politischen Kultur, sondern zugleich ein Stück Vorbeugung.

Das Entsetzen über die Anschläge auf Lafontaine und Schäuble war gewiß ehrlich. Aber wenn das Mitgefühl auch nur ein weniges über die Stunde der unmittelbaren Lebensgefahr hinaus anhält, müßte es zugleich unser Bewußtsein dafür schärfen, welche Verletzungen der politische Kampf – und darüber machte sich Wolfgang Schäuble immer wieder besorgte Gedanken – selber oft genug mit sich bringt.

Oskar Lafontaine fand, zum Glück, seine Gesundheit bald wieder. Wolfgang Schäuble, so steht noch immer zu befürchten, wird länger und schwerer an den Folgen tragen, die sich schon von außen erkennen lassen. In der Hoffnung auf seine Genesung schwingt unser aller schlechtes Gewissen über den hohen Preis der Macht mit. R.L.