Von Carl D. Goerdeler

Rio de Janeiro, im Oktober

Beim Rückflug nach Bonn wirkte Heinz Riesenhuber locker und zufrieden. Drei Tage Brasilien lagen hinter dem Minister für Forschung und Technologie. Als erster Repräsentant des vereinigten Deutschlands war Riesenhuber nach Brasilia gereist, um mit Präsident Fernando Collor und seiner Regierung über die Zukunft der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit und den Schutz des Regenwaldes zu sprechen.

Der Minister war mit zwei wichtigen Papieren in der brasilianischen Kapitale angekommen: mit einem Kabinettsbeschluß vom September, daß die Bundesrepublik in Zukunft nur noch mit solchen Ländern nukleartechnisch zusammenarbeiten wird, die ihre Atomaktivitäten internationalen Kontrollen unterwerfen, und mit einer Zusage Bonns, Brasilien mit 150 Millionen Mark für neue Projekte zur Sanierung der Umwelt, insbesondere des Regenwaldes am Amazonas, unter die Arme zu greifen. Die Gretchenfrage lautete also: Ist Brasilien bereit, seine atomaren Pläne offenzulegen und deutsche Hilfe für die Erhaltung des grünen Dschungels zu akzeptieren?

Präsident Fernando Collor de Mello hat seit seinem Amtsantritt im März deutliche Signale für eine Kurskorrektur in der Atompolitik seines Landes gesetzt. Noch Mitte September ließ er im Beisein seiner Generäle einen Schacht zubetonieren, den die Militärs insgeheim ausgehoben hatten, um darin die erste brasilianische Atombombe zu testen. Und vor den Vereinten Nationen bekräftigte der Staatschef feierlich, daß Brasilien niemals solche Versuche starten wird. Wie aber will Fernando Collor das brasilianische Verfassungsgebot, demzufolge nukleare Technik nur friedlichen Zwecken dienen darf und vom Parlament genehmigt werden muß, konkret umsetzen? Wie stellt man sich die weitere nukleare Zusammenarbeit mit Deutschland vor?

In Bonn hatte die Opposition vor einem Jahr gefordert, den Nuklearvertrag mit Brasilien nicht mehr zu verlängern. Dafür gab es gute Gründe: Die ehrgeizigen Militärs hatten längst ein geheimes Parallelprogramm erstellt und die zivile Kooperation mit Deutschland mißbraucht. Während das Kraftwerksprogramm mit der Bundesrepublik immer weiter austrocknete, schwammen die Generäle im Geld. Aber im Kanzleramt reagierte man wie die drei Affen von Nikko: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Unter dem Eindruck der Skandale um die Giftgasfabrik in Libyen und der Machenschaften skrupelloser deutscher Waffentechniker im Irak kam die Wende. Nun besteht Bonn darauf, daß jede weitere nukleare Zusammenarbeit mit Brasilien für die Weltöffentlichkeit transparent sein müsse. Dieses Ziel wäre schneller zu erreichen, wenn die Südamerikaner dem Atomsperrvertrag beitreten würden, den auch die Bundesrepublik einst unterschrieben hat. Aber Brasilien weigert sich ebenso wie Indien, China und Frankreich, das zu tun. 1967 wurde zwar mit anderen lateinamerikanischen Staaten der Vertrag von Tlatelolco vereinbart; er verpflichtet die Unterzeichner zu atomarer Friedfertigkeit und internationaler Kontrolle. Doch dieses Abkommen wurde von Brasilia nie in Kraft gesetzt. Begründung: Kuba und Französisch-Guyana müßten auch mitmachen. Nun will man in Brasilia auch in diesem Punkt umdenken.