Von Elisabeth Wehrmann

Unter den Tieren der Literaturgeschichte gibt es berühmte Gestalten, ja sogar solche, die eine höhere Berufung zur Kunst des Lesens und Schreibens oder selbst zum Philosophieren in sich spurten. Als ein Vorbild mag der edle Kater Murr gelten, der weder Zeit noch Muhe scheute, die Folianten seines gelehrten Herrn zu verstehen, und auch selbst recht kunstvoll mit Feder und Tinte umzugehen wußte. Das ist nun fast zweihundert Jahre her.

Heutzutage gibt es in Amerika, dem Land, der, wie es scheint, noch immer unbegrenzten Möglichkeiten, einen Hund, der nicht etwa durch die Literaturgeschichte bellt, sondern direkt neben dem Puls der Weltgeschichte wedelt. Es ist Millie, der "krummbeinige Spaniel mit einer Schweinchennase und gelben Augen, der beste Freund des Präsidenten", der jungst sein erstes Buch herausbrachte. Millie jedoch schreibt nicht selbst, sie laßt schreiben. Ihre Erfahrungen aus der Residenz in 1600 Pennsylvania Avenue, Washington, hat sie Barbara Bush diktiert, die dafür sorgte, daß "Millies Buch" auf Glanzpapier, mit vielen Photos verziert, nun einem interessierten Publikum vorliegt.

Millie begann ihr Leben als ganz gewohnlicher Hund in Texas. Doch am 13. Februar 1987 ereilte sie die Macht des Schicksals, und an Bord der Airforce II flog das bescheidene Tier unbekannten Höhen entgegen. Das alles geschah, weil C. Fred Bush, ihr vierbeiniger Vorgänger, verschieden war, und Barbara, das hatte George, der damals noch Vizepräsident war, erkannt, einen neuen Hund brauchte. Und zwar einen stubenreinen, der nicht etwa den Staatshaushalt mit kleinen Unglücken auf den Staatsteppichen ruinierte. Auf ihre gute Erziehung laßt Millie nichts kommen. Und wenn jetzt, wo George Präsident ist, der Staatshaushalt ruiniert zu sein scheint, kann das jedenfalls nicht an Millie gelegen haben.

Schon während des Wahlkampfes erkannte Millie ihre patriotische Sendung: Zusammen mit anderen republikanischen Hunden organisierte sie eine tierische Wahlkampfparty, trat auf in großer Dekoration mit amerikanischen Flaggen und gab, wie Vanity Für, das nationale Magazin für Hunde und Katzen, zu berichten wußte, ihr Bestes für George. An dem Tag, an dem George feierlich in sein neues Amt eingeführt wurde und den Eid auf die Verfassung leistete, erfüllte auch Millie freudig eine nationale Pflicht. Sie flog nach Kentucky und traf Tug Farish, den "absolut hinreißenden Springerspaniel", der der Vater ihrer Jungen werden sollte.

Millies Zeit der Schwangerschaft im Weißen Haus bewegte die Nation. Eine der Zeitungen in Washington brachte tägliche Berichte über den Zustand der werdenden Mutter. Barbara Bush verlegte ihren Schreibtisch in den kleinen Raum, in dem das Hundekindbett aufgeschlagen war, und wich nicht von ihrer Seite, als die schwere Stunde im März 1989 nahte. Kurz darauf erschien Millie mit ihren sechs Jungen und Barbara Bush auf dem Titelblatt von Life Magazine, eine Wahl, die, so wurde es auch im Weißen Haus verstanden, sie als Mutter des Jahres ehrte.

Millie: ein Vorbild für Millionen amerikanischer Familien. Sie versteht instinktiv die wahren Werte des Landes, und was sie noch nicht weiß, lernt sie spielerisch im Hause Bush.