Allmählich schmilzt auch zwischen Nord- und Südkorea das Eis des Kalten Krieges

Von Theo Sommer

Seoul, im Oktober

Nirgendwo hat die Wiedervereinigung der Deutschen so große Hoffnungen geweckt wie in Korea. Die Halbinsel ist seit 1945 geteilt – viel brutaler, als Deutschland je geteilt war. Es gibt keine Postverbindungen und keinen Besucherverkehr, der innerkoreanische Handel ist winzig (22 Millionen Dollar) und läuft über viele Ecken; amtliche Kontakte sind spärlich geblieben und bisher absolut fruchtlos. Aber ob sich nun, da die Deutschen ihre Einheit wiedererlangt haben, nicht auch die Spaltung Koreas überwinden ließe?

Roh Tae Woo, der Staatspräsident Südkoreas, empfängt seine Besucher im selben Salon des "Blauen Hauses", in dem er vor sechs Wochen auch den nordkoreanischen Ministerpräsidenten Yon Hyong-muk willkommen hieß – ein unerhörter Vorgang in der Geschichte des geteilten Landes. Ebenso unerhört war es, daß Yon nach Jahrzehnten, in denen der Süden die Vertreter des diktatorischen Regimes in Pjöngjang nur "Banditen" nannte und der Norden in den Repräsentanten Seouls nur "Handlanger des Imperialismus" zu erkennen vermochte, den Staatspräsidenten protokollgerecht mit seinem vollen Titel ansprach.

Viel herausgekommen ist bei dem Gespräch vor sechs Wochen nicht – auch nicht bei der zweiten Runde, zu der Südkoreas Ministerpräsident Kang Young-Hoon in der vorigen Woche in die Hauptstadt des Nordens reiste.

"Das Ergebnis der Begegnung war nicht sehr zufriedenstellend", sagt Präsident Roh. "Aber es war ein guter Anfang. Wir werden darauf aufbauen." Er sieht, daß eine neue Weltordnung aus den Trümmern der Nachkriegszeit entsteht. "In Europa hat sie zuerst Gestalt gewonnen. Irgendwie hat der Wind des Wandels dann vor der koreanischen Halbinsel haltgemacht. Das wollen wir jetzt ändern."