Etwas überraschend setzt Roh Tae Woo hinzu: "Die Deutschen sollten den Koreanern ein bißchen dankbar sein. Als wir die Olympischen Spiele veranstalteten, kamen auch die Osteuropäer zu uns. Was sie sahen, unterschied sich gründlich von dem Propagandabild Südkoreas, das ihnen eingetrichtert worden war. Diese Erkenntnis hat den Prozeß des Wandels in Osteuropa kräftig vorangetrieben; das haben mir jedenfalls führende Leute versichert. Es ist eine Ironie der Geschichte, daß wir den Deutschen haben helfen können, nicht aber uns selber."

Versucht haben es die beiden Koreas immer wieder miteinander. Das erste Mal – 1972 – knüpften der südliche Geheimdienst-Chef und der nördliche Vizepremier den Kontakt. Auch damals stand das deutsche Beispiel Pate: der Grundlagenvertrag zwischen Bundesrepublik und DDR. Nord und Süd kamen damals überein, die Wiedervereinigung Koreas mit friedlichen Mitteln anzustreben; einander nicht mehr zu verleumden; sich bewaffneter Provokationen zu enthalten und militärische Zwischenfälle zu verhindern; eine direkte Telephonverbindung zwischen den Hauptstädten einzurichten; schließlich: einen Koordinierungsausschuß zu schaffen.

Für kurze Zeit sah es so aus, als könne nach deutsch-deutschem Muster auch auf der Halbinsel Korea ein geregeltes Nebeneinander möglich werden. Aber der Anschein trog. Der Koordinierungsausschuß tagte dreimal – ergebnislos, da Nordkorea den Abzug der Amerikaner und die Legalisierung der Kommunisten in Südkorea der Regelung aller praktischen Fragen voranstellte. Im August 1973 brach der Norden die Verhandlungen ab. Rotkreuzgespräche über humanitäre Fragen waren schon kurz zuvor brüsk beendet worden. Auch auf dem "heißen Draht" zwischen Pjöngjang und Seoul verstummten bald die täglichen Routinesignale. Als die chinesisch-amerikanische Normalisierung ohne praktische Folgen blieb und die Vereinigten Staaten Vietnam räumen mußten, schaltete der nordkoreanische Diktator Kim II Sung wieder auf Kalten Krieg, ließ Tunnel unter der Demarkationslinie graben und entsandte Mordagenten in den Süden.

Ab und zu flackerten die Kontaktlämpchen noch auf. Nach einer Umweltkatastrophe im Süden bot der Norden 1984 Reislieferungen an; der Süden revanchierte sich mit Baumaterial. Im Jahre 1985 tauschten beide Seiten ein paar Tage lang je hundert Besucher aus: ein Medienspektakel, kein Zeichen der Annäherung. Auch die Olympischen Spiele, die Seoul 1988 ausrichtete, wurden zum Zankapfel: Die Nordkoreaner fühlten sich zurückgestoßen und zogen sich in den Schmollwinkel zurück. Gelegentliche Parlamentarierkontakte, zufällige Begegnungen von Wissenschaftlern – sie verliefen alle im Sande. Erst der Umbruch in Osteuropa und das Ende des Kalten Krieges lieferten den feindlichen Brüdern neue Impulse. Werden sie diesmal mehr bewirken?

Die Hinterlassenschaft des dreijährigen Bruderkrieges (1950/53) drückt auf die Gegenwart. Mehr als einen Waffenstillstand hat es bis heute nicht gegeben – und der Gedanke, Südkorea doch noch sturmreif schießen zu können, lag Kim II Sung nie ganz fern. Immer wieder hat er es versucht: 1968, als ein nordkoreanisches Himmelfahrtskommando das schwerbewachte Blaue Haus überfiel; 1974, als die Frau des Präsidenten Park das Opfer eines Mordanschlags wurde; 1983, als Kim in Rangun das halbe südkoreanische Kabinett in die Luft gehen ließ; 1987, als eine seiner Agentinnen ein Passagierflugzeug der Korean Airlines sprengte.

Kein Wunder, daß die Südkoreaner über Jahre hinweg eine panische, ja geradezu manische Angst vor dem Norden hatten. Die Bedrohung von jenseits des 38. Breitengrades erschien ihnen stets unmittelbar und überlebensgroß. Die Furcht vor einem Überfall bestimmte auch ihre Innenpolitik. Um der äußeren Sicherheit willen ließen sie der inneren Demokratie nie recht eine Chance. Das ganze Land wurde zentral an der Kandare geführt; die Polizei folterte; die Medien standen unter der Fuchtel der Zensur; die Justiz lag an der Leine der Obrigkeit; die Geheimdienste überzogen Südkorea mit einem dichten Spitzelnetz.

Wohl hat Präsident Roh sich vorgenommen, zwischen Panmunjom und Pusan die Demokratie einzuführen. Nach dem koreanischen Wirtschaftswunder der vergangenen zwei Jahrzehnte gibt es dazu auch gar keine vernünftige Initiative: Ein moderner Wirtschaftsstaat kann kein Polizeistaat sein. Aber auf vielen Kommandohöhen der Macht herrscht noch immer das alte Denken. Militär, Justizministerium und Innenministerium sind Hochburgen der Reaktion geblieben: Sicherheit geht ihnen vor Demokratie. An ihrem Widerstand zerschleißt sich die Autorität des Präsidenten.