Von Reiner Luyken

Sie saß in einem Lehnstuhl am Ecktisch, das Gesicht hinter einer Zeitung verborgen. Als ich herantrat, legte sie die Zeitung zur Seite und faltete sie sorgfältig zusammen wie ein nicht mehr benötigtes Requisit. Sie reichte mir die Hand, majestätisch, auf Abstand bedacht, kühl.

Ich hatte Glenda Jackson zum ersten Mal vor Jahren in einer Fernsehproduktion als die Tudorkönigin Elisabeth I. gesehen. In meinem Geschichtsbild sieht eine mittelalterliche, englische Königin aus – wie Glenda Jackson. Tiefe, breite Augen, eine starke Nase, hohe Backenknochen, ein ehrgeizig ausdrucksvoller Mund. Hier saß eine strenge Frau vor mir, entblößt des Kostüms, in puritanischem Zivil. Das Gesicht ungeschminkt, geradezu forciert unelegant gekleidet, das dünne Haar strähnig gescheitelt. Ein halbvoller Aschenbecher stand vor ihr auf dem Tisch, daneben ein halbgegessenes, blutarmes Käsesandwich. Ihr Lunch. Über drei Jahrzehnte Schauspielerei haben tiefe Spuren in ihr Gesicht gegraben.

Jetzt will sie ins Parlament. Im März dieses Jahres wählte die Bezirksversammlung Hampstead and Highgate der Labour Partei die zweifache Oscar-Preisträgerin zu ihrer Wahlkreiskandidatin. Gegenwärtig wird der Kreis von einem Tory gehalten. Er will nicht mehr kandidieren. Ihre Chancen stehen nicht schlecht, den überwiegend gutbürgerlichen Bezirk im Norden Londons nach der Wahl im Unterhaus zu vertreten.

Das klingt dürr wie politischer Alltag. Für Glenda Jackson ist die neue Karriere ein Kreuzzug. Ihr Land, erklärt sie, stünde am Rande des Abgrunds. Das Ende der Zivilisation kündige sich an: "Ich ertrage nicht mehr, was hier vorgeht. Wohnungslose betteln in den Straßen, Kinder schlafen in Pappkartons und Plastiksäcken, Hungernde durchstöbern die Abfallhalden. Armut ist die größte Wachstumsbranche. Alle Werte, an die zu glauben ich erzogen wurde, gelten nicht mehr. Das Königreich wird von Grund auf amerikanisiert. Noch eine Legislaturperiode Tories, und es wird vorbei sein mit dem United Kingdom."

Glenda May Jackson wuchs in Hoylake auf der Wirral-Halbinsel an der Irischen See auf. Ein kleines Seebad, kleinbürgerlich, konservativ. Sie erinnert sich an schmucke Reihenhäuser, kleine Läden, Handwerksbetriebe – eine heile Welt aus der guten, alten Zeit. Die Kinder badeten im Meer. "Heute ist das Meer von graugelbem Schaum überzogen. Die Läden gibt es nicht mehr. Die Häuser verfallen."

Während ihr Land verfiel, ging es mit Glenda Jacksons Karriere unaufhaltsam nach oben. Sie lernte die Schauspielerei an der Royal Academy of Dramatic Art und arbeitete sich von Repertoiretheatern in der Provinz bis zu führenden Rollen mit der Royal Shakespeare Company hoch. Ein erster Erfolg am Broadway als Charlotte Corday in "Marat/Sade" brachte ihr einen New York Critics Award ein. Dann die Filmkarriere, Rollen neben Michael Caine, Lauren Bacall, Walther Matthau, Dirk Bogarde. Die zwei Oscars für ihre Rollen in Ken Russels "Women in Love" und "A Touch of Glass". Und immer wieder Bühnenrollen, Hedda Gabler, Lady Macbeth, Martha in "Who is Afraid of Virginia Woolf". Sie ließ sich nicht – wie so viele andere, große Schauspieler – von Hollywood verschlingen.