Der Ansturm von Touristen und Geschäftsreisenden beschert dem Berliner Gastgewerbe Rekordbelegungen. Viele internationale Hotelketten sind interessiert an Neubauten, doch geeignete Grundstücke sind rar.

Leider völlig ausgebucht!" Wer sich in diesen Tagen um ein Bett in einem Hotel oder einer Pension in Berlin bemüht, wird diesen Satz häufig hören. In der Stadt an der Spree "brummt" es. Die Einheit beschert der Branche Rekordbelegungen. Außer den Touristenankünften ist auch die Zahl der Geschäftsreisenden sprunghaft gestiegen. Überall trifft man auf Vertreter großer Firmen, die neue Marktchancen nutzen wollen. Auch als Ziel für Tagungen und Kongresse sowie als Messeplatz wird der Großraum Berlin mit seinen 4,3 Millionen Bewohnern und der landschaftlich reizvollen Umgebung immer wichtiger.

"Der Ansturm auf die Stadt übertrifft alle Erwartungen", heißt es auch beim Verkehrsamt. In der ersten Jahreshälfte 1990 wurden allein in den Hotels und Pensionen des ehemaligen Westteils der Stadt rund 1,5 Millionen Gäste mit etwa 3,667 Millionen Übernachtungen registriert – ein Plus von 29,5 beziehungsweise 19,2 Prozent. Selbst im Juli, ansonsten vom Gewerbe als berüchtigtes "Sommerloch" gefürchtet, betrug die durchschnittliche Auslastung 75 Prozent. "Wir müssen uns daran gewöhnen, daß Berlin künftig nicht mehr an München, Hamburg oder Frankfurt, sondern an Metropolen wie Paris, London oder Rom gemessen wird", freut sich Verkehrsamtschef Hans-Jürgen Binek.

Zur Zeit gibt es im ehemaligen Westteil der Stadt 320 Beherbergungsbetriebe mit etwa 25 000 Betten. Im früheren Ost-Berlin standen Besuchern bis vor kurzem lediglich zwölf Betriebe mit rund 5000 Betten zur Verfügung. Durch die Umwandlung staatlicher Einrichtungen – beispielsweise des ehemaligen FDGB-Hauses am Märkischen Ufer – wurden jedoch in Windeseile rund 5000 weitere Schlafstätten geschaffen. Als nächstes wichtiges Hotel soll Ende des Jahres das 366 Zimmer und Appartements große "Domhotel" – das 34. Haus der durch die angestrebte Kooperation mit Steigenberger ins Gerede gekommenen Interhotel AG – am Platz der Akademie, dem ehemaligen Gendarmenmarkt, eröffnet werden.

Am Standort Berlin sind angesichts des Booms inzwischen zahlreiche internationale Hotelketten interessiert. Geeignete Grundstücke sind jedoch im Westen der Stadt rar. Im Osten, wo geeigneter Baugrund vorhanden ist, müssen bei entsprechenden Arealen in langwierigen juristischen Auseinandersetzungen die Besitzverhältnisse geklärt werden.

Selbst die Hotel- und Gaststätten-Innung der Stadt, die neuen Projekten früher naturgemäß eher zurückhaltend gegenüberstand, geht davon aus, daß in den nächsten fünf Jahren zusätzlich rund 10 000 bis 15 000 Betten benötigt werden. "Falls die Olympischen Spiele im Jahr 2000 tatsächlich in Berlin ausgetragen werden, müssen bis dahin sogar mindestens 20 000 zusätzliche Betten gebaut werden", betont man.

Michael Brodersen, Sprecher des Verkehrsamtes: "Wichtig ist natürlich auch, ob Berlin wirklich Regierungs- und Parlamentssitz wird. Denn das hätte natürlich auch zusätzliche Auswirkungen auf den Tourismus. Experten sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einer notwendigen Verdoppelung der gegenwärtigen Bettenkapazität auf über 60 000." Klaus P. Pfund