Von Hans Joachim Schädlich

Hoffnungen zu hegen steht jedem frei. Die Lieferanten von Hoffnungsöl hatten stets beste Verkaufs-Chancen; vielleicht stellten die Käufer immer eine Mehrheit dar. Das Volkslied faßt deren Grundempfinden in den bekennerischen Seufzer: "Wenn die Hoffnung nicht war, so lebt ich nicht mehr." Der "Hoffnungswahn des Herzens" (Goethe) ist zweifellos ein nahrhaftes Überlebensmittel. Aber ebenso frei steht es jedem, keine Hoffnungen zu hegen. Ich muß mich nicht in die Tiefen der antiken und neuzeitlichen Philosophie .verlieren, um sagen zu dürfen, daß es dem Individuum anheimgestellt bleibt, welcher existentiellen Empfindung es zuneigt.

Es klingt mir ein wenig zu exklusiv, wenn Robert Jungk in seiner Antwort an Fritz J. Raddatz meint: "Nur von denen kann Hoffnung als Krücke gesehen werden, die den aufrechten Gang längst verlernt haben." (DIE ZEIT Nr. 40) Da mag ich entgegnen: In mittelalterlichen Bußbüchern rangiert die Verzweiflung unter den Sieben Todsünden wider den Heiligen Geist. Verzweiflung gilt als Waffe des Teufels und steht am Anfang der Gottesentfremdung. – Man vergißt aber leicht, daß in dem Wort Verzweiflung das Wort Zweifel offen versteckt ist; Heinrich Heine nannte Verzweiflung den höchsten Grad des Zweifels. Etwas anderes vergißt man ebenfalls leicht: Hinter Verzweiflung steht entweder die Selbstaufgabe oder – "die rettende Tat".

Es ist auch ins Belieben gestellt, linke Hoffnungen zu hegen oder nicht, schon aus Gründen der Religionsfreiheit. Die aufgeregten Disputationen der jüngsten Zeit scheinen in einer terminologischen Ungewißheit, den Begriff "links" betreffend, zu wurzeln. Heerscharen von Gläubigen haben die kommunistischen Diktaturen als Ausdrücke linker Politik wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. Ein Irrtum, wie man am eigenen Leib oder am Fernsehschirm erfahren konnte.

Die Verwirrung wird neuerdings von einer Partei forciert, die Nutzen aus Verwirrung zu ziehen gedenkt und zieht. Diese Partei heißt Partei des demokratischen Sozialismus; sie beschreibt sich als linke Partei und ist drauf und dran, einen zweiten Namenswechsel vorzunehmen, der den Zuschauern eine Behauptung endgültig als Wirklichkeit vorspiegeln soll. Der neueste Name: Linke Liste/PDS. Die PDS besteht zum größten Teil aus Mitgliedern der SED. Was war an der SED links? Der Anspruch auf Alleinherrschaft? Die Einsperrung der Bevölkerung? Die Unterdrückung der Äußerungsfreiheit? Die Zerstörung von Wirtschaft und Umwelt? Manches SED-/PDS-Mitglied sagt "aus heutiger Sicht": "Die Parteiführer haben mich betrogen. Ich war nur ein einfaches Mitglied. Ich habe das Beste gewollt. Ich habe mein Bestes gegeben." Wo ist das Beste abgeblieben?

Das Fähnlein der treu Enttäuschten, die andere getäuscht haben, hat einen neuen Chef, der unter den Grünen wildert (es gibt genügend Leute, die das Wort links gerne mißverstehen). Der neue Chef ist kein Hohlkopf wie Honecker, kein Mörder wie Mielke. Er ist gescheit, flexibel, redegewandt, lässig, sexy. Er war SED-Mitglied und rettet die SED als PDS und Linke Liste, damit die alten Mitstreiter und andere vermeintlich Linke eine Heimat behalten.

Aber die SED war keine linke Partei. Ihre Ideologie und ihre "Leistungen" (siehe oben) treffen sich mit dem Reaktionärsten, das es auf deutschem Boden je gab. Wie wird aus dieser Partei eine linke Partei? Durch Worte von Demokratie und Sozialismus. Durch Etikettenschwindel. Durch Demagogie. Die SED, die kein Hehl aus ihrer Verachtung für die parlamentarische Demokratie gemacht hat, turnt als PDS den Parlamentarismus vor. ("Es ist notwendig, die Gewerkschaften und die Betriebsräte zu erobern sowie in die Stadtverordnetenversammlungen und in das Parlament zu gehen", heißt es in den Zeiten der Niederlage.) Die Strategie schreibt die Taktik der Legalisierung vor. Der neue Chef schwingt behend sein Zauberstäbchen, und in den glühenden Augen der Enttäuschten und Hoffnungshungrigen glänzt die Morgenröte. Der neue Hoffnungsträger weiß von Hamburg bis Tübingen sehr zu gefallen; er ist das rechte Hähnchen im Korbe der falschen Linken. Sein Zauberstäbchen aber taugt zur Krücke nicht.