Konjunkturprognosen, das dürfte sich herumgesprochen haben, ähneln einem Glücksspiel. Die gemeinsame Voraussage der fünf führenden wirtschaftswissenschaftlichen Institute der Bundesrepublik, die zweimal im Jahr veröffentlicht wird, macht da keine Ausnahme; die geringe Trefferquote belegt das. Und wenn schon in ruhigen Zeiten die Zielgenauigkeit zu wünschen übrig läßt, dann gilt das in verstärktem Maße für Zeiten des Umbruchs.

Wer also jetzt, nach der Verwirklichung der deutschen Einheit, eine bis auf die Stelle hinter dem Komma exakte Wachstumsrate für die gesamtdeutsche Wirtschaft angeben will, braucht eher hellseherische als wissenschaftliche Fähigkeiten. So hat der jetzt im Herbstgutachten für 1991 ermittelte Zuwachs des Sozialprodukts um real 1,5 Prozent (und um 2,5 Prozent für das bisherige Bundesgebiet) vor allem die Vermutung für sich, daß die Prognostiker diese Zahl nach bestem Wissen und Gewissen ermittelt haben. Viel mehr darf man nicht erwarten.

Politiker jedoch nehmen das Zahlenspiel bitter ernst. "Zu pessimistisch", urteilt Wirtschaftsminister Helmut Haussmann erbost über die eher bescheidene Rate, die nicht zu seinen optimistischen Parolen paßt, und verweist auf die angeblich unterschätzte Dynamik der neuen Bundesländer. Die Opposition dagegen sonnt sich in der Genugtuung, einmal recht bekommen zu haben. Über ökonomische Auswirkungen und Kosten der deutschen Einheit läßt sich in der Tat schier endlos streiten (siehe Seite 28). Wobei verwundern muß, wie viele offensichtlich glauben, das wirtschaftliche Desaster in der ehemaligen DDR könne innerhalb weniger Monate überwunden werden.

Doch der deutsch-deutsche Aspekt ist nur die eine Seite der Medaille. Es wäre leichtfertig, darüber die Risiken zu vergessen, die von außen auf die deutsche Wirtschaft zukommen. Sie sind beträchtlich, vor allem aber entziehen sie sich der Beeinflussung von deutscher Seite. Da ist zunächst die eindeutige Beobachtung, daß sich die wirtschaftliche Aktivität weltweit abschwächt. Es sieht ganz so aus, als beginne der Konjunkturzyklus, der uns einen ungewöhnlich langen Aufschwung beschert hat, zu kippen, als habe die Abschwungphase begonnen. Daraus muß keine weltweite Rezession werden; es kann auch bei einer einfachen "Konjunkturdelle" bleiben. Doch unbestreitbar hat die Weltwirtschaft an Schwung verloren.

Das zeigt sich am deutlichsten in den USA, wo die Rezessionsangst schon umgeht. Die Auslastung der Produktionsanlagen sinkt, die Arbeitslosenquote steigt, die Inflationsrate nähert sich sechs Prozent, Investitionen und privater Konsum stagnieren. Dazu kommen die Querelen um das riesige Haushaltsdefizit, das nur über Schulden und um den Preis höherer Zinsen zu finanzieren ist. Der Sturz des Dollars ist genauso die Folge dieser Entwicklung wie eine wachsende Verunsicherung auf den weltweiten Kapitalmärkten (siehe Seite 25).

Ähnliche Symptome der Ermüdung zeigen sich in Westeuropa. Auch hier steigen Investitionen, Produktion und Beschäftigung deutlich schwächer als noch vor einem halben Jahr, wobei Großbritannien am schlechtesten dasteht. Unterm Strich bleibt, daß der gesamte Welthandel nur noch mäßig expandiert. Für ein Land wie die Bundesrepublik, das mehr Waren exportiert als jede andere Volkswirtschaft der Welt, birgt diese Entwicklung große Risiken.

Hinzu kommt die Ungewißheit über die Entwicklung des Ölpreises. Die Institute gehen bei ihren Rechnungen von 25 bis 30 Dollar je Barrel aus – mit fallender Tendenz im kommenden Jahr. Die Voraussetzung hierfür ist natürlich, daß es am Golf nicht zum Krieg kommt. Dröhnen erst einmal die Kanonen, schnellt der Ölpreis mit tödlicher Sicherheit in die Höhe.