Von Konrad Schliephake

Das Bild, das von den arabischen Erdölförderländern in der Öffentlichkeit gezeichnet wird, ist sehr zwiespältig: Auf der einen Seite Auswüchse eines fabulösen Reichtums, auf der anderen Seite Ränkeschmiede, die der übrigen Welt den Ölhahn zudrehen und Nachbarländer mit deutschen Qualitätspanzern bedrohen wollen und darüber hinaus einen "fundamentalistischen" Islam predigen. Daneben schimmert Karl-May-Wissen durch: Arme Beduinen ziehen durch Sandeinöden – furchtlos, gastfreundlich, aber wenig vertrauenswürdig.

Der Paukenschlag der irakischen Besetzung Kuwaits am 2. August 1990, die eher pro-irakischen Reaktionen der arabischen Massen und der gemeinsame Aufbau amerikanischer und arabischer Streitkräfte in Saudi-Arabien machen deutlich, daß von der Arabischen Halbinsel und ihren Rändern auch künftig weltpolitische Erschütterungen ausgehen werden. Sie beeinflussen zudem den Energiepreis und damit unmittelbar die wirtschaftliche Entwicklung und den Wohlstand auf allen Kontinenten.

Wie ist die Wirklichkeit in einem so widersprüchlichen Land wie Saudi-Arabien, das flächenmäßig an 13. Stelle in der Welt steht, von der Bevölkerung her mit etwa vierzehn Millionen Einwohnern ein Kleinstaat ist und gemessen am Pro-Kopf-Einkommen noch 1982 gemeinsam mit der Schweiz der reichste Flächenstaat der Welt war? Zwar ist im vergangenen Jahr das Bruttosozialprodukt wieder auf etwa 9600 Mark je Einwohner gesunken; trotzdem bleibt Saudi-Arabien der reichste arabische Flächenstaat. Außerdem ist es mit fünfzehn Prozent der gesamten arabischen Industrieproduktion auch der wichtigste Industriestaat.

Dabei gehört die drei Millionen Quadratkilometer große Arabische Halbinsel zu den unwirtlichsten Gebieten der Erde. Nur die Gebirge an den Rändern haben ausreichende Niederschläge und sind für dauerhafte Besiedlung geeignet. Lediglich 0,3 Prozent der saudischen Staatsfläche sind Ackerland, dazu kommen nochmals 0,3 Prozent "mögliches Ackerland" und 0,04 Prozent Palmengärten. Der Rest des Landes teilt sich zu je einem Drittel in Sandwüsten, Fels- und Schotterwüsten sowie Weidegebiete der Nomaden auf.

In diesem unwirtlichen Raum lebten in der Vor-Erdölzeit gerade so viele Menschen, wie die natürlichen Ressourcen Wasser, Bodenfruchtbarkeit und Vegetation zuließen. Heute hat Saudi-Arabien – bezogen auf das wenige fruchtbare Land – eine bis zu achtmal größere Bevölkerungsdichte als Deutschland. Das hat zur Folge, daß fast neunzig Prozent der Lebensmittel importiert werden müssen. Der derzeitige "Getreideboom" im Lande mit einer Produktion von drei Millionen Tonnen Getreide (zusätzlich nochmals 4,6 Millionen Tonnen Import) ist skeptisch zu betrachten; denn er beruht auf einer rücksichtslosen Ausbeutung der Grundwasserreserven.

Freilich wird die Kargheit der agrarischen Ausstattung durch den mineralischen Reichtum ausgeglichen. Das Land verfügt über große Vorkommen verschiedener Erze, bis auf die Goldminen ist aber bisher keine dieser Lagerstätten abbauwürdig. Anders sieht es mit den seit 1936 erschlossenen Erdöllagern aus. Hier hat Saudi-Arabien eine weltwirtschaftliche Schlüsselstellung. Seine derzeitigen Erdölreserven liegen bei 26 Prozent der Weltvorräte. Der Erdölexport brachte dem Land zeitweise märchenhafte Erlöse. 1981 erreichten sie mit 102 Milliarden Dollar ihr Maximum, im vergangenen Jahr betrugen sie immerhin noch 24 Milliarden Dollar. 58 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus Erdölerträgen. Hinzu kommen weitere 10 bis 15 Prozent aus Kapitalerträgen des im Ausland angelegten Devisenschatzes von etwa 53 Milliarden Dollar.