Quantifizierung als Trieb – über den Rausch, alles in Zahlen zu fassen

Von Christoph-Friedrich V. Braun

Wir leben in einer Welt von Zahlen. Wir begreifen die Welt und uns selbst in Zahlen. Ob es uns gut geht, wie das Wetter ist, ob Vollbeschäftigung herrscht, wie leistungsfähig unser Auto oder der Klang unserer Stereoanlage ist – Zahlen sagen es uns. Zahlen begegnen uns überall, auf der Straße, in der Bank, beim Juwelier, bei der Post, auf der Stromrechnung, auf der Bierdose, auf jedem Geldschein, in der Schule und natürlich am Arbeitsplatz und in der Zeitung. Eine Fülle von Zahlen haben wir im Kopf: Adressen, Seitenangaben, Zimmernummern, Geburtstage, Uhrzeiten...

Wir lieben Zahlen. Wer seine Argumente mit Zahlen unterlegen kann, behält recht. Vorträge, wenn sie vom Fachmann kommen, sind mit Zahlen gespickt, oder sie sind nicht seriös. Unsere Zahlenliebe geht soweit, daß wir sogar Namen durch Zahlen ersetzen, die keine wert- oder mengenmäßige Bedeutung haben: Telephon- und Kontonummern, Personenkennziffern, Postleitzahlen, Armeeinheiten, Kundennummern, Farbskalen und Symphonien.

"Die Zahl ist das Wesen aller Dinge", sagte Pythagoras. Zahlen haben etwas Vertrauenerweckendes, sie folgen anders als sprachliche Grammatik und Idiome einem Satz fester Regeln, man kann auf sie bauen, sie sind zuverlässig, kompakt, unzweideutig, allgemeinverständlich und systematisch. Nicht zuletzt: Zahlen kennen ebenso wie Musik und Chemie keine Sprachgrenzen. Eine Addition wird in Deutschland so gut verstanden und mit den gleichen Zeichen geschrieben wie in Japan.

Mit Zahlen läßt sich die Welt und unser Weltbild bequem ordnen. Zahlen erlauben Aussagen darüber, wieviel wir wovon und wann erwarten können. Und sie erlauben Vergleiche: Um wieviel ist A größer, schneller, mehr, heißer, billiger, älter, leiser, wirtschaftlicher, stärker, dicker, reicher, nahrhafter, leichter als B. In Zahlen halten wir fest, worauf es ankommt: Atomgewicht und Alkoholgehalt, Blutdruck und Kalendertage, Cholesterinspiegel und Kleidergrößen, Windstärken und Preisentwicklung, Speicherkapazitäten und Wohnflächen, Stromverbrauch und Heizwerte, Fernsehdichte und Bruttosozialprodukt, Schiffstonnage und Könige und Päpste gleichen Namens.

Die Liste ist lang und wächst. Das Statistische Jahrbuch der Bundesrepublik, in den Gründerjahren ein Heftchen, nähert sich heute den Ausmaßen einer Enzyklopädie. Die Wirtschaftsteile der Zeitungen quellen über von Angaben über Umsätze, Bilanzsummen, Gewinnmargen, Wachstumsprozente, Wechselkurse, Marktanteile, Arbeitslosenquoten, Inflationsraten. Die Börsenkurse im Wall Street Journal und in der Financial Times, Bundesligatabellen, Sozial- und Umweltstatistiken, die Anzahl von Doppelfehlern und Assen in Davis-Cup-Spielen, Bestsellerlisten und Schlager-Hitparaden bezeugen eine Zahlensucht, die ans Rauschhafte grenzt. Quantifizierung nicht als mühevolle Aufgabe, sondern als Trieb.