Von Peter Sager

Nach Ely fahren ist wie ein Rausch. Unendlich scheint die Leere dieser Landschaft. Bis jener ferne Punkt am Horizont langsam größer wird, weithin sichtbar wie ein Schiff auf See: Ely Cathedral, aufragend aus der Ebene mit Türmen, Zinnen und Strebepfeilern. Dieser Anblick ist einer der großen Momente der englischen Landschaft, magisch wie die Steine von Stonehenge in den Salisbury Plains. In der flachen, nüchternen, puritanischen Landschaft der Fens ist dies eine ekstatische Architektur, ein Stück himmlisches Jerusalem in der ostenglischen Wüste. In den Sümpfen, die Ely einst umgaben, muß diese Kathedrale den Menschen wirklich wie ein Schiff erschienen sein, the Ship of the Fens.

Noch heute führt die Straße von Soham nach Ely über den Damm, den Abtbischof Hervey Anfang des 12. Jahrhunderts durch die überfluteten Fens baute. Vorher war die Klosterinsel nur mit dem Boot erreichbar, ein Zufluchtsort der Frommen und Verfolgten. Isle of Ely heißt "Insel der Aale". Als der heilige Dunstan um 970 nach Ely kam, um die neue Benediktinerabtei einzuweihen, traf er viele Klosterbrüder im vergnüglichen Umgang mit Frauen statt bei Arbeit und Gebet. Da verwandelte er die sündigen Mönche in Aale, zur ewigen Buße im Schlamm. Daher die Aale im River Ouse und der Name Ely. Aller Anfang ist legendär, zumal an einem Ort wie diesem.

Auch Elys historische Gründerfigur, die heilige Etheldreda, schwebt längst im Himmel der Legenden, Sie war die Tochter eines angelsächsischen Königs, wurde zweimal gegen ihren Willen verheiratet, blieb aber dank verschiedener Wunder virgo intacta. Zwölf Jahre lebte sie mit Egfrid, König von Northumbrien. Ob er sie schließlich gehen oder sie ihn sitzen ließ, ist heute nicht mehr restlos zu klären. Jedenfalls zog sich Etheldreda nach Ely zurück und gründete dort im Jahre 673 ein Kloster. Weil sie in ihrer Jugend gern Halsketten trug, starb sie zur Strafe für ihre Eitelkeit an Kehlkopfkrebs – drastische Krönung eines Heiligenlebens im Mittelalter. Audrey (Kurzform von Etheldreda) wurde eine der populärsten englischen Heiligen, ihr Fest wird seit dem 12. Jahrundert und bis heute in Ely mit Jahrmärkten gefeiert.

Kathedralen sollte man gegen Abend besuchen, wenn das Licht weich auf die Steine fällt und der evensong beginnt. Ich ging durch den Park, eine leichte Anhöhe hinauf. Da lag Ely Cathedral vor mir in ihrer ganzen Länge, triumphal wie auf dem Aquarell William Turners von 1831. Wo der Maler Frauen bei der Heuernte zeigt, grasen nun Kühe. Kühe vor der Kathedrale, ein Dom im Landschaftspark und dahinter erst, nahezu verdeckt, die kleine Stadt: Das ist Ely, England at its best.

Ich trat in die Vorhalle, durch das hohe Doppelportal mit seinen schlanken, knospenden Säulen. In der fast leeren Kirche, weit vorn zwischen dämmernden Arkaden sang der Domchor von Ely, achtzehn Knaben und sechs Männer, ein klarer heller Klang, Jahrhunderte entfernt, zugleich ganz gegenwärtig und schon jenseits der Zeit. Evensong, abends um halb sechs, Ritual und Routine, jeden Tag, Jahr für Jahr, Jahrhunderte hindurch. Evensong, die kleine Ewigkeit von Ely. Das ist so unglaublich wie die ganze Geschichte der Kathedrale im Fen.

Was für ein Mut, in diesem Sumpf ein Kloster dieser Größe zu errichten. Ein normannischer Gefolgsmann Wilhelm des Eroberers legte 1083 den Grundstein zu der Kathedrale, die wir heute sehen. Erst 270 Jahre später war der Dom zu Ely fertig, eine der großen englischen Kathedralen neben Canterbury, Durham, York und Lincoln.