Eine Antiquitätenhändlerin inmitten ihrer vollgestopften Wohnung, herumstehende Bilder, aufgerollte Teppiche, "Berge von Nippsachen", an den Möbelstücken hängen Preisschilder. "Nichts steht an seinem endgültigen Platz, alles ist nur im Durchgang hier." Die Frau ist fahrig und nervös, hantiert herum, ohne etwas zu tun. Sie hat ihren alten Liebhaber zu Besuch. Von ihm erhofft sie sich noch einmal die Liebe, die ihr früher zu gering erschien. Einmal, beim Essen, sagt sie ihm: "Seien Sie achtsam..., das Porzellan ist sehr zerbrechlich und seit gestern verkauft." Wie ihr Krimskrams ist diese Frau: ein wenig identitätslos, sehr zerbrechlich – und jederzeit disponibel. Durch Delphine Seyrig jedoch wird sie rätselhaft und jede ihrer Gesten geheimnisvoll. 1963 war das, in Alain Resnais’ "Muriel oder: Die Zeit der Wiederkehr", einem der Meilensteine im Kino der Moderne.

1932 wurde Delphine Seyrig in Beirut geboren. Anfang der fünfziger Jahre: Studium in Paris und erster Auftritt am "Théâtre Sarah Bernardt". 1956: Auftritt am Broadway. 1958: Debüt im New Yorker Underground-Film "Pull My Daisy". Zwei Jahre vor "Muriel", 1961, erregte sie erstmals die Aufmerksamkeit der Cineasten: in Resnais’ "Letztes Jahr in Marienbad". Sie hatte den Ariadnefaden für Resnais’ filmische Labyrinthe der Zeit, der Kausalität, der Phantasie. Wie neben ihr nur Monica Vitti (bei Antonioni) und Anna Karina (bei Godard) gab sie Anfang der sechziger Jahre den Frauen Kontur, die das Gefühl der Moderne zum Ausdruck brachten, das Dissonante und Diskontinuierliche, das Brüchige und Zerrissene heutiger Identität.

Mit ihrem Körper Geschichten erzählen, ohne der Suggestion zu erliegen; filmische Faszination transparent zu machen, ohne ihren Zauber zu zerstören: Diesem Prinzip hielt sie die Treue, bis zuletzt, bei Marguerite Duras ("La Musica", "India Song") und Chantal Akerman ("Jeanne Dielmann"), bei Luis Buñuel ("Die Milchstraße", "Der diskrete Charme der Bourgeoisie") und Ulrike Ottinger (Johanna d’Arc of Mongolia"). Wenn sie sich dennoch einließ aufs Erzählkino, brachte sie eine neue Klangfarbe in die Filme, eine kühle, intellektuelle Prägnanz. Geradezu legendär ihre kurzen Liebesabenteuer am Rande der Geschichten: bei Joseph Losey ("Zwischenfall in Oxford"), François Truffaut ("Geraubte Küsse") und Fred Zinnemann ("Der Schakal"). Da tritt sie auf wie eine Märchenfee – und besitzt doch, was allein irdische Frauen auszeichnet: Phantasie und Leidenschaft, Noblesse und Wollust.

Die Göttinnen des klassischen Kinos – Greta Garbo, Marlene Dietrich, Marilyn Monroe –, sie lebten von den unbegreiflichen, ewigen Geheimnissen, die Männer sehnsüchtig machen und "Ladenmädchen" zum Träumen bringen. Delphine Seyrig dagegen war die Göttin der Cineasten: Sie spielte nicht und verklärte nicht; sie bot bloß Annäherungen, Bruchstücke von Darstellung. Alles blieb bei ihr nur angedeutet. Deshalb wirken ihre Geheimnisse auch so nachdrücklich: Sie sind Ergebnis gewagtester Reduktionen.

Am Montag letzter Woche ist Delphine Seyrig nach langer Krankheit in einem Pariser Krankenhaus gestorben. Norbert Grob