Geschäfte mit Transferrubeln bescherten Gaunern Millionengewinne

Von Peter Christ

Betrüger, Gauner, Glücksritter, Absahner und Spekulanten haben immer Hochkonjunktur, wenn eine Gesellschaftsordnung stirbt und eine andere an ihre Stelle tritt. Ohne ein unvermeidliches Mindestmaß an Chaos, Rechtsunsicherheit und Verwaltungspannen sind solche grundlegenden Veränderungen nicht zu bewältigen, schon gar nicht, wenn sie unter so großem Zeitdruck geschehen wie die deutsch-deutsche Wirtschafts- und Währungsunion und die drei Monate später vollzogene staatliche Vereinigung von DDR und Bundesrepublik.

Mit der Vereinigung der Wirtschaftsgebiete diesseits und jenseits der Elbe öffnete sich auch den gesamtdeutschen Wirtschaftskriminellen ein zweites Betätigungsfeld mit völlig neuen Chancen. Jüngstes, aber nicht erstes und letztes Beispiel sind die vergangene Woche vom stern publik gemachten Betrügereien im Handel zwischen der DDR und den Mitgliedsländern im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), dem mißratenen Pendant des ehemaligen Ostblocks zur EG.

Auf bisher 375 Millionen Mark beziffert der ermittelnde Staatsanwalt Joachim Erbe die Summe, die Gauner mit illegalen Exporten aus der ehemaligen DDR in Staaten des RGW abgesahnt haben. Davon sind bisher 249 Millionen Mark auf Banckonten und in bar beschlagnahmt worden. Die gesamte Betrugssumme ist möglicherweise noch weit höher. Der Generalstaatsanwalt beim Berliner Landgericht, Hans-Joachim Heinze, räumte am Dienstag dieser Woche vor dem Rechtsausschuß des Abgeordnetenhauses ein, daß die Berliner Kripo noch gegen weitere als die bislang vier inhaftierten Beschuldigten ermittle. Erhärte sich der Tatverdacht auch in diesen Fällen, könne "eine Größenordnung in Milliardenhöhe erreicht werden", sagte Heinze.

Nur laxe Kontrollen

Wie vielen illegalen Geschäften die Staatsanwälte auf die Spur kommen und wieviel Geld sie bei den Betrügern noch sicherstellen werden, läßt sich kaum abschätzen. Die bundesdeutschen Ermittler sind auf die Kooperation der Behörden vor allem in der Sowjetunion und in Polen angewiesen: Mit diesen beiden Staaten wurde der größte Teil der dunklen Geschäfte abgewickelt, dort konzentrieren sich die Komplizen der Betrüger aus der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik.