Von Bartholomäus Grill

Der Photograph Mbuzeni Zulu hat am Morgen den Siebenuhrzug genommen. In Inhlanzana, einer Station in Soweto, ist er ausgestiegen. Mbuzeni Zulu sieht, wie draußen vor dem Bahnhof junge Schwarze die Fahrgäste anhalten und durchsuchen. Sie seien in der Nacht angegriffen worden, sagen sie. Nun machen sie Jagd auf ihre Feinde.

Einen etwa 35jährigen Mann halten sie fest. Er wirkt ängstlich, gehetzt. Woher er komme, wohin er wolle, fragen sie ihn. "Nach Mofolo", antwortet er. Er hat Glück, sie lassen ihn laufen.

Einen Steinwurf weiter wird er wieder angehalten. Jemand ruft: "Das ist ein Spitzel!" In diesem Moment werden Messer gezückt. Ein Stein trifft den Verdächtigten am Kopf. Rasend wie eine Meute Blut witternder Hunde stürzen sich die jungen Männer auf den am Boden Liegenden, treten, stechen auf ihn ein. Dann überschütten sie ihn mit Benzin. Flammen schlagen hoch, der Mann schreit vor Schmerzen. Er versucht zu fliehen, dann bricht er zusammen und bleibt liegen. Er ist still.

Es geschah am hellichten Tag, mitten in der Township. Mbuzeni Zulu hat die grausigen Szenen photographiert. Zwei Tage später wurden die Bilder im Sowetan, der größten Zeitung in der größten Stadt Südafrikas, abgedruckt. Überschrift: "Die Abschlachtung eines unschuldigen Mannes".

Seit Anfang August wurden in den Townships, die Johannesburg wie ein Gürtel des Elends umschließen, achthundert Menschen niedergemetzelt. Der Tod lauert an Straßenkreuzungen und in Supermärkten, auf Schulhöfen und an Bahnstationen. Experten unter den Weißen behaupten gern, dies sei ein ideologisch motiviertes Blutvergießen, ein Bruderkrieg zwischen Inkatha, dem Kampfbund rechter Schwarzer, und Nelson Mandelas linkem African National Congress (ANC), eine Stammesfehde zwischen Zulu und Xhosa. Sie reden von dem "schwarzen Tod" und der "afrikanischen Pest". Doch dies ist eine allzu leichtfertige Erklärung. "Ein beliebtes Propaganda-Argument unter Polizisten, Militärs und Politikern, die gar keine Lösung wollen", sagt Fanie Cloete vom Centre for Policy Studies der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Tenor: Da verspricht man diesen Schwarzen großherzig Freiheit, und schon bringen sie sich gegenseitig um.

Es ist eine alte Lüge: Immer wieder haben die Buren, seit sie 1652 ins Land einfielen, diese Version von den bösartigen, immmerzu feindseligen Wilden, die sich gegenseitig umbringen, ausgestreut. In Wahrheit waren sie es, die den Terror ins Land getragen, ganze Volksgruppen ausgerottet, traditionelle Rivalitäten zu tödlichen Konflikten geschürt haben. Auch bei den jüngsten Gewaltexzessen mischte eine "verdeckte Hand", eine "dritte Kraft" mit: rechtsextreme Weiße und reformfeindliche Sicherheitskräfte im Bund mit schwarzen Kollaborateuren. Frank Chikane, Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates (SACC), hat daran keinen Zweifel, aber er weiß auch, daß es schwer zu beweisen ist: "Die Polizei untersucht sich ja immer selber. Da kommt nie etwas heraus. Am Ende werden dann die Anklagenden selber zu Angeklagten."