Der Prophet Mohammed war nicht nur der Verkünder einer neuen Heilslehre, sondern auch der Anführer des moslemischen Heeres und das Haupt des moslemischen Staates in Medina. Die Uberlieferung berichtet von fünfzig Schlachten zwischen Mohammed und seinen Gegnern, Polytheisten, Juden und Christen. Die militärischen Erfolge des siegreichen Propheten dienten der neuen Offenbarung und galten als Zeichen dafür, daß Gott der Sache des Islam günstig gesinnt war.

Weil die moslemischen Kämpfer einen Anteil an der Kriegsbeute bekamen, sprach sich schnell herum, daß sich der Dschihad, der "Kampf für die Sache Allahs", lohne – im Himmel wie auf Erden. Beduinische Stämme waren schnell bekehrt und und kämpften unter dem Banner des Islam. Siegten sie, so winkte weltlicher Lohn; fielen sie aber im Kampf, so öffneten sich die Pforten des vom Propheten versprochenen Paradieses. Dort sollten sie sich ohne Überdruß aller diesseits bekannten Genüsse erfreuen, auch "großäugiger Paradiesjungfrauen, wie verborgene Perlen, zum Lohn für ihre Werke".

Geboten des Koran folgend, wurde der Dschihad in die Scharia, das islamische Rechtssystem, aufgenommen. Dschihad, oder genauer "Dschihad fi sabil Allah", bedeutet wörtlich: "Sich bemühen auf dem Weg Gottes" und meint die Ausbreitung oder Verteidigung des Islam, notfalls auch mit Waffengewalt. "Siehe, Allah liebt diejenigen, welche auf seinem Weg in Schlachtordnung kämpfen, als wäre sie ein gewaltiger Bau", heißt es im Koran, Sure 61.

Im islamischen Rechtssystem gehört der Dschihad zwar nicht zu den Grundpflichten, wie etwa das Fasten oder das rituelle Gebet. Er ist aber ein wichtiger Bestandteil der Rechtgläubigkeit. Es ist eine religiöse Pflicht, die nicht dem einzelnen, aber der muslimischen Gemeinschaft als Ganzes auferlegt ist. Sie ist erfüllt, wenn genügend Moslems dem Aufruf zum Dschihad folgen. Wer im Dschihad getötet wird, ist ein "Schahid", ein Märtyrer, und geht direkt ins Paradies ein, ohne das Jüngste Gericht abwarten zu müssen. Wer aber nicht die Mittel besitzt, seine Angehörigen während des Feldzuges zu ernähren, braucht nicht in den Kampf zu ziehen.

In späteren theologischen Schriften ist die Pflicht zum Dschihad noch einmal eingeschränkt worden. Sie galt nun schon mit der bloßen Vorbereitung zum Kampf als erfüllt. Ausgerufen wird der Dschihad von einem muslimischen Herrscher oder Imam, dem religiös-politischen Führer.

Für die traditionellen Schiiten indessen gibt es solange keinen Dschihad, bis der Mahdi, der zwölfte und letzte schiitische Imam, vor tausend Jahren in die göttliche Verborgenheit entrückt, wieder daraus hervortritt. So hat Chomeini das Wort möglichst vermieden und den Heiligen Krieg mit anderen Worten umschrieben. Die Pflicht zum Heiligen Krieg ist eng mit dem Dogma der Universalität des Islam verbunden.

Das klassische Rechtssystem teilt die Welt in zwei Gebiete auf: "dar al-islam", das Haus des Islam, und "dar al-harb", das Haus des Krieges oder des Unglaubens. Im Haus des Islam herrschen der islamische Staat und das islamische Recht. Das Haus des Krieges ist das Gebiet der Nichtmoslems, also der Ungläubigen. Die Muslime haben die Pflicht, ihr Territorium gegen Angriffe der Ungläubigen zu verteidigen und sich zugleich die Welt der Ungläubigen zu unterwerfen, bis der Islam die Grenze der bewohnbaren Welt erreicht hat. Dringt das islamische Heer ins Land der "Ahl al-Kitab" vor, der "Leute des Buches", wie die Juden und Christen im Koran genannt werden, so haben diese die Alternative, den Islam anzunehmen oder die "dschazia", die Kopfsteuer, zu entrichten. Dann gelten sie als "Schutzbefohlene" und dürfen ihre Religion frei ausüben. Ein Ungläubiger, der Widerstand leistet, verliert seine bewegliche Habe. Sein Grund und Boden können ihm leihweise gegen Zahlung von Zins belassen werden. Polytheisten, Anhänger der Vielgötterei, können nur zwischen Annahme des Islam und dem Tod wählen.

Die islamische Mystik erweitert allerdings den Begriff des Dschihad. Der "höchste Dschihad", heißt es in der sufischen Literatur, ist "der Krieg gegen die eigene Triebseele". Für die späteren islamischen Theologen gehören die Missionsarbeit sowie die Aneignung islamischen Wissens zum "Sich-Bemühen-auf-dem-Wege-Gottes", also zum Dschihad. A.T.