Niemand fängt vorne an. Bevor man losliest, läßt man das Auge wandern. Wie umfangreich ist das, was da auf mich zukommt? Gibt es Absätze und Zwischenzeilen im Text? Was verrät mir die Dachzeile, was die Überschrift? Wer hat das geschrieben? Dann begibt man sich ein paar Schritte, ein paar Sätze in den Text hinein: Zieht mich das an? Zieht mich das weiter? Gibt sich da jemand Mühe mit mir, dem erwünschten Leser?

Ein Buch hält man eine Weile in der Hand, bevor man den ersten Satz liest. Man biegt die Deckel auseinander, man fährt mit dem Mittelfinger kräftig zwischen den aufgeschlagenen Seiten am Falz entlang, man befreit das eingeklemmte Lesebändchen und bringt es weiter hinten in Wartestellung. Rituale der Vorlust. Man betrachtet das Photo des Autors oder der Autorin, vertieft sich noch einmal in den Klappentext und die kleine Vita. Und dann liest man immer noch nicht den Anfang, sondern mittendrin ein paar Zeilen, ziemlich am Ende einen Absatz (nicht den Schluß, Gott bewahre!), schaut noch einmal in die Luft, blättert die ersten Seiten ganz geruhsam um, betrachtet lange den Namen des Schriftstellers und den Titel. Nun vielleicht...

Ein Buch kommt selten allein. Bevor man ein Buch zum ersten Mal liest, ist es längst umstellt von den unterschiedlichsten Informationen, denen sich kein Leser entziehen kann. Äußerlichkeiten? "Anhängsel des gedruckten Textes", nennt das der Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune, "die in Wirklichkeit jede Lektüre steuern." In Frankreich ist man aufmerksamer für solche Details. Der Kritiker Gérard Genette hat diese "Anhängsel" mustergültig zusammengetragen: in seinem 1987 veröffentlichten Buch "Seuils" (Schwellen), das unter dem Titel "Paratexte" auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Es gibt erschöpfend (und wohltuend unakademisch) Auskunft über die Wirkung von Pseudonymen, über Geschichte und Funktion des Waschzettels und Klappentextes, über die Spielarten des Vorworts, der Widmung, des Mottos.

Die Vorstellung, daß es den Text pur gibt, wird jeder, der solche Illusion noch hegt, nach dem Studium dieses Wälzers fahren lassen müssen. Ein Text präsentiere sich selten "nackt", schreibt Genette, "ohne Begleitschutz einiger gleichfalls verbaler oder nicht-verbaler Produktionen wie einem Autorennamen, einem Titel, einem Vorwort und Illustrationen". Damit fängt es aber erst an. Auch wenn das Buch erschienen ist, nimmt es kein Ende mit den Paratexten: Genette zählt zu ihnen ebenso Interviews und Kommentare der Autoren (etwa auf Lesungen), Selbstinterpretationen in Briefen und Tagebüchern.

Manche Autoren beteiligen sich mit Fleiß an der Herstellung von Paratexten. Sie suchen lange nach dem richtigen Titel ("Ein schöner Titel ist der wahre Zuhälter eines Buches", wußte der Franzose Furetiere schon vor 300 Jahren), sie schreiben selbst ein Vorwort oder heimlich den Klappentext. Oder sie finden noch ganz andere Wege. Zum Beispiel James Joyce. Nicht genug damit, daß er seinem Roman den Titel "Ulysses" gab (obwohl doch niemand im Buch so heißt), er beabsichtigte überdies, mit Kapitelüberschriften die Parallele zur "Odyssee" zu unterstreichen – bis er auf die Idee kam, daß es vielleicht ausreicht, ein paar guten Freunden (zufällig einflußreichen Literaturkritikern) von diesem Plan zu erzählen. So kennt diese Kapitelüberschriften heute jedes Kind, auch wenn sie im Roman gar nicht vorkommen: ein geschickt inszenierter Paratext.

Natürlich kann sich der Leser den Einflüsterungen, der Aufmachung, der Präsentation eines Buches zu entziehen versuchen. Ganz gelingen wird es kaum. Es sei denn, eines fernen Tages wird es wirklich Praxis, Bücher auf dem Bildschirm abzurufen – angeschlossen an alle Texte dieser Welt... Dann wird vielleicht ein Text wie der andere aussehen. Keine Paratexte mehr, nur noch Buchstabensalat. Irgendwo im System: der pure, der nackte Text. Grauenvoll. Volker Hage